Bewegung

DSC_4265Freitag, 13. November 2015

Vergangenen Dienstag schickte der Sturm die ersten beiden Landunter dieses Herbstes. Bereits das Nachthochwasser hatte mit 120cm die Hallig unter Wasser gesetzt, wie das trübe Morgenlicht offenbarte, mittags kam dann wieder soviel. Auch in der kommenden Nacht erwarten wir Landunter, Sturmtief „Frank“ läßt grüßen. Nachtrag Samstag: Franks Böen drückten und drückten und ließen die Nordsee um 200cm steigen.

Ich war erst Montag nach Gröde zurückgekehrt, hatte das Wochenende mit meinen Kindern in Lübeck bei den Nordischen Filmtagen verbracht. Obwohl die Tickets ausverkauft waren, schafften wir es irgendwie, in drei Filme zu kommen, die wir gerne sehen wollten. In letzter Minute ergatterten wir zurückgegebene Karten für „Ich wäre gerne wie ich bin“, „Die Kinder des Fechters“ und „Sture Böcke“. Besonders beeindruckt hat mich die estnisch-finnisch-deutsche Koproduktion „Die Kinder des Fechters“. Der Film spielt in Estland 1952 und basiert auf einer wahren Geschichte. Um dem KGB zu entgehen, verlässt Endel Nelis Leningrad und geht in den kleinen estnischen Ort Haapsalu, wo er eine Stellung als Lehrer annimmt. Seine Leidenschaft ist das Fechten, was unter den Sowjets jedoch nicht gerade als Arbeitersport gilt. So werden seine Bemühungen um einen für die Schüler interessanten Sportunterricht denn auch vom Direktor der Schule torpediert. Zuletzt besinnt Endel Nelis sich auf seine Leidenschaft: Das Fechten, und begeistert seine Schüler auf Anhieb. Als die Kinder in der Zeitung von einem Jugend-Fechtturnier in Leningrad lesen, gibt es für sie kein Halten mehr, und Endel muss sich entscheiden: Entweder seine Schüler masslos enttäuschen oder mit ihnen weiter trainieren und zum Turnier nach Leningrad fahren — für ihn die Höhle des Löwen. Ein wunderbarer Film, bewegend, mit vielen Emotionen, der am 17. Dezember in die deutschen Kinos kommt. Lohnt sich!

Dienstag dann Landunter. Was tun? Renovierungsarbeiten an den Ferienwohnungen warteten auf mich und ein ganzer Karton Quitten. Also blieb ich erstmal im Haus. Am Nachmittag war bereits soviel Wasser wieder abgelaufen, dass die hohen Stellen der Hallig frei wurden. Ein bedeckter Himmel mit trübem Licht verkündete das baldige Dunkelwerden. Kurzentschlossen schnappte ich mir die Kamera und machte einen Spaziergang zur Schleuse: Mal schauen wie es dort tost. Ich entschied mich für ein leichtes Weitwinkelobjektiv und hoffte auf Inspiration. Über die Kirchwarft und den Priestersteg ging ich zur Westkante, an der manche Wellen noch überweg schwappten. Mit gefiel die Idee des Kontrasts von Ruhe und Stillstand mit Bewegung und Dynamik. Die aufgewühlte Nordsee und die felsenfeste Steinkante waren ideal, dies in Szene zu setzen. Ich versuchte, mit langen Belichtungszeiten die Wellen zu einer weichen Masse werden zu lassen, um weiche und harte Bildteile zu bekommen. Ich wollte die Wellen und starken Strömungen in ihrer Bewegung nicht einfrieren, sondern ihr Schaukeln und Fließen sichtbar machen. Und in der Schleuse, wo durch die weit geöffneten Tore das Wasser aus dem Inneren der Hallig mit Macht nach draußen stürzte, steigerte sich des Wassers Fließen zu einer gewaltigen Dynamik. Auch hier die schweren Steine der gesetzen Kante als zuverlässiger Ruhepol, ebenso die Anleger mit ihren Pfählen, die Häuser im Hintergrund auf der schützend hohen Warft, und der weite Horizont, sogar die massiven Schleusentore selbst. Ruhe und Bewegung, Bauwerke und Wasser, das fließende, strömende, rauschende, stürzende, tosende und sich an Hindernissen brechende Wasser.

Viele Grüße, Jürgen

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