Eishauch

Freitag, 19. Januar 2018

So richtig eisig? War es bisher nicht auf Gröde. Ein eisiger Hauch nur, gerade kalt genug für hübsche kleine Eiskunst auf Wegen und Gräben und zum Wäschesteifen auf der Leine, vor zehn Tagen und auch heute wieder. Der kurze Frost haucht glitzernd über die Hallig und zeigt was er kann, wenn er will. Aber will er denn so richtig? Oder will er nicht – nicht mehr – noch nicht? Auch die schneestürmische „Friederike“, das Orkantief von gestern, hat uns, nicht nur geografisch, links liegen lassen: Eine hübsche Schneeschauervorstellung mit dichtem Flockentanz kriegten wir abgeworfen, sonst nichts. Heute ist schon wieder alles weg. Bei Euch alles in Ordnung? Hoffentlich nicht gestrandet mit der Bahn, dem Auto, auf dem Weg zur Schule oder zur Arbeit? Kein Baum quer auf dem Dach? Keine mannshohe Schneewehe vor der Haustür? Nicht stromlos kalt zuhause? Das hoffen wir mal!
Herzlichst, Jürgen und Sabine

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Höhlenleben

Samstag, 30. Dezember 2017

Sabine sitzt mir gegenüber und erzählt von ihren Hühnern, die im Hühnerhaus auf dem Muschelboden ihre Sandbadefeste feiern: Sie haben einen Teil ihres täglichen Lebens nach drinnen verlegt und erfreuen sich am trockenen Muschelsand in ihrer Hühnerhöhle. Draußen ist es stürmisch und kaum ein Tag vergeht ohne Regen: Über Gröde ziehen himmelhohe  Schauerwolken hinweg und hinterlassen  Pfützen, in denen sich anschließend die kleinen blauen Farbflecken zwischen den Wolken spiegeln, seltene Gäste in diesen Tagen.

Vorhin habe ich mich mit Luzi durchpusten lassen: Raus aus der Höhle, hinein in die kurzen hellen Stunden. Flatternde Kapuze über meiner Mütze – draußen versuche ich noch unter der Kapuze eine kleine schützende Höhle zu finden, der Erfolg ist eher symbolisch. Luzi schaut je nach Laufrichtung aus wie ein schlanker Windhund, wie ein gestriegelter Schäferhund, wie ein gegen den Strich gebürsteter Terrier oder wie ein frisch dem Friseur entlaufener Langhaarcollie mit gewachstem Seitenscheitel auf dem Weg ins Büro.

Tiefer hängende Wolkenfetzen sausen in Windeseile unter den beeindruckenden, leuchtend Türmen hindurch, als seien sie auf der Flucht vor dem nächsten Regenschauer. Nach schweisstreibender Auseinandersetzung mit dem Gegenwind begleitet mich der hilfsbereite Rückenwind zurück nach Hause, zurück zu Frau und Kindern, die mich schon zum Frühstück erwarten: Kerzenschein in der warmen Höhle mit Kaffee- und Croissantduft.

Weihnachten ist vorbei, das Jahresende in Sicht. Sabine und ich wünschen Euch für 2018 stabile Gesundheit, lässige Gelassenheit, beeindruckende Begegnungen und ein Feuerwerk voller Lichtblicke.
Wir freuen uns auf eine neue Saison, in der wir das Leben mit Euch wieder nach Draußen verlagern können!
Guten Rutsch — Jürgen

Weihnachtsruhe

Samstag, 23. Dezember 2017

Liebe Freunde,
liebe Feriengäste,
liebe Familie,

Ruhe kehrt ein auf der Hallig, morgen ist Weihnachten. Und das ist schön – auch in diesem Jahr wieder. Unsere Vorbereitungen haben wir getroffen, alles ist hübsch gemacht, die Kuchen sind gebacken, ein paar Geschenke sind gepackt, ein Stapel Weihnachtspost ist eingetrudelt und wartet darauf, in Ruhe geöffnet zu werden.
Die Weihnachtsruhe darf einkehren.
Draußen wird es lauter und bewegter zugehen – wir erwarten Sturm. In unserem Haus könnte es dadurch um so gemütlicher werden. Und es gibt heute sogar einen Weihnachtsgottesdienst: Vielen Dank an unseren Pastor und unseren Kapitän, die es möglich machen!

Wir wünschen Euch allen ein paar Tage voller Freude. Wir wünschen Ruhe und Zeit für Euch selbst und für die Menschen um Euch herum, die Euch gern haben. Wir wünschen Euch Gesundheit und gute Gedanken und viele leuchtende Lichtblicke am Weihnachtsbaum!
Herzlichst, Sabine und Jürgen

Grau

Sonntag, 10. Dezember 2017

Zuerst erschien uns in diesem späten Herbst die Langeweile, die scheinbare lange Weile mit ihrer eintönig grau reduzierten Einfachheit, die für den einen oder anderen Zeitgenossen jedoch als Himmel auf Erden herbeigesehnt sein könnte, wenn man sie als Auszeit vom hektisch grau melierten Arbeits- oder Großstadtalltag betrachtet.

Seit einiger Zeit erscheint uns das Grau. Drei Tage lang haben unsere Schafe ihr Leben bei uns auf der Warft verbracht. Schon wieder prasseln graue Regeltropfen an die Fensterscheibe. Vielleicht sollten wir mit Nina Simone singen I got the blues. What can I lose. Good Bye. Selbst unsere Hühner haben sich damit abgefunden, öfter im grauen Matsch als im grünen Rasen zu scharren. Aber es gibt auch Lichtblicke: Sabines strahlende Augen, als sie mir die Hand mit dem ersten Ei entgegenstreckt, das die Hühner nach Wochen der Mauser und Abstinenz gelegt haben!

Weitläufig grauer Himmel mit wandernden grauen Wolken, aus denen nassgraue Regenschauer fallen, manchmal auch geräuschvolle Graupelschauer, und heute morgen sogar einen wirbliger Schneeschauer mit lustigen Flocken, die im Wind tanzten und die Hallig für einige Minuten mit einer hellgrauen, wie frischer Zuckerguß  wirkenden, Schicht überzogen, die – viel zu nass – alsbald wieder dahin schmolz. Die graue Nordsee brachte uns flutenweise graue Landunter. Breite graue Priele stehen auf den nassen Salzwiesen. Die grauen Schafe versuchen der noch graueren Einheitlichkeit zu trotzen und haben sich vom Bock bunte Flecken auf ihre Hintern malen lassen — ein schöner Kontrast beim Blick in die graue Morgendämmerung, lange nach dem Weckerklingeln. Nach einem viel zu kurzen Tag mit einem noch viel kürzeren sonnigen Highlight nahen in langsamem Elefantentrott die grauen Abendwolken aus Westen und künden die baldige Dämmerung an, die grau über grau immer grauer und grauer und dunkler grauer und noch dunkler grauer und dunkelgrau, wirklich dunkel, nachtdunkel über uns kommt. Auf die Sterne ist nicht immer Verlass, aber die Windräder am festländischen Horizont blinken zuverlässig und taktvoll ihr Rot.

Und Sabine und Jürgen zünden jetzt die zweite Kerze an und wünschen Euch einen schönen zweiten Advent mit Lichtblick!

Langeweile

Donnerstag, 16. November 2017

Gestern morgen hörte Luzi meinen Wecker klingeln und machte sich, wie jeden Morgen, auf den Weg zu unserer Schlafzimmertür. Ich hörte ihr sanftes Tapsen näher kommen, bis sie sich geräuschvoll niederlegte. Als ich nach schlaftrunkenen Schritten die Tür öffnete, sprang Luzi auf der Stelle auf, begrüßte mich quietschfidel wedelnd und freute sich bis über beide Ohren: Hurra, endlich ist wieder jemand wach in diesem langweiligen Haus, einfach keine Gäste mehr da, die mit mir spielen, keine Kinder, die mit mir toben. Ach Herrchen, ach Frauchen, zweimal am Tag spaziert Ihr mit mir, aber stundenlang tut Ihr sooo beschäftigt und merkt gar nicht, dass ich das langweilig finde. Na warte ab, Luzi, am Wochenende fahren wir weg, wir alle drei, und dann kannst Du Auto fahren, andere Hunde und andere Leute treffen, die mit Dir spielen.

Gestern morgen nach Weckerklingeln, Aufstehen, schlaftrunkenen Schritten und Begrüßungsritual mit quietschfidel wedelnder Luzi, schaute ich aus dem Fenster im Bad, weit geöffnet, um die stille Morgenfrische hereinzulassen: Nichts als Dämmerung und Nebel. Hinter dem Deich schien die Welt zuende. Keine Hallig zu erkennen, keine Nordsee und kein Festland, keine blinkenden Windmühlen, kein Wind, nur ein paar Zaunpfähle, weichgezeichnet, als hätten die Wolken sich auf die Erde niedergelassen zum Ausruhen. Eine sehr heimelige Welt, langweilig scheinbar, aber ruhig, wunderbar ruhig, wie in Watte gepackt. Ist das nun langweilig oder der Himmel auf Erden?

Und dann kehrte er zurück, der Ohrwurm vom Abend zuvor: „Start me up!“ schrien die Rolling Stones hinaus in die stille Morgenfrische … Hallo wach! Der Tag begann, unzweifelhaft, quietschfidel wedelnd, mit einer Sonne, die schnell den Nebel vertrieb und die Seevögeln zu kreischendem Leben erweckte — alles andere als langweilig.

Herzliche Grüße von Gröde, Jürgen

P.S.: Inzwischen musste ich feststellen, dass auf unseren Gröde-Seiten Werbung geschaltet ist. Danke Didi für den Hinweis! Um Deine Frage zu beantworten: Nein, ich habe diese Werbeanzeigen nicht geschaltet. Sie kommen einfach so, weil ich ein kostenloses Angebot von WordPress benutze. Ich bitte das erstmal zu entschuldigen, bis ich eine andere Möglichkeit gefunden habe, werbefrei zu publizieren.

Herwart & Nico

Montag, 30. Oktober 2017

Herwart hieß das Wochenend-Sturmtief, dass mit seinem scharfen Nordwest nicht nur die Feuerwehren im Norden auf Trab hielt, sondern uns Gröder Bewohnern und Gästen auch eine heulende Nacht lang den Schlaf raubte. Was für ein Glück, dass die Nacht eine Stunde länger dauerte, und ich beim letzten Aufwachen um neun freudig feststellen durfte, dass es gerade erst acht war: Zeitumstellung zur richtigen Zeit in die richtige Richtung hat doch was beruhigendes. Und am Sonntag Abend konnte ich dann ganz entspannt eine Stunde früher ins Bett gehen und den davongestürmten Schlaf der Herwartsnacht wieder einfangen. Sturmschäden gab es kaum bei uns, haben wir wieder Glück gehabt. Auch das Hochwasser am Morgen war nicht so richtig hoch, Landunter zwar, aber wegen des scharfen Nordwests nur eben 120cm. Die unruhige Nacht löste ein wunderschöner Sonntag ab: Sonnig und windig, was Luzi und ich ausgiebig genossen haben.

Herwart war der erste Sturm für Nico auf Gröde. Nico Niedlich ist unser diesjähriger Schafbock, getauft auf diesen lustigen Namen von Hanna und Lilly. Vielleicht hat Herwart Nico beflügelt, denn innerhalb von drei Tagen zwölf Schafdamen in glückliche Umstände bringen, das ist auch irgendwie stürmisch.
Haben sie etwas gemeinsam, Herwart & Nico.
Herzliche Grüße, Jürgen.

Wie Sommerstrand in Südfrankreich: Südgröde am Sonntag nach Herwart.

Treib gut

Samstag, 14. Oktober 2017

Viele Landunter in den letzten zwei Wochen. Viel Treibgut auf den Gröder Salzwiesen, an den Warften und Sommerdeichen. Unmengen alten Grases, abgebrochene, vertrocknete Halme, Stöcker, Pfähle, Stücke von Brettern, und dazwischen bunte Flecken: Plastik in allen Formen und Farben. Über viele Teile könnte man einfach den Kopf schütteln. Manches Treibgut entlockt mir ein Schmunzeln — der Schnuller zum Beispiel. Sein Verlust hat möglicherweise ein Sommerdrama am Nordseestrand ausgelöst, verzweifeltes Schluchzen in den Ohren urlaubsreifer Eltern voller Sehnsucht nach Ruhe und Harmonie …
Die Universität Oldenburg untersucht seit einiger Zeit die Treibwege der Plastikteile und hat viele Hölzchen mit Seriennummern in die Nordsee gegeben, sog. Drifter. Diese treiben auch auf Gröde an. Auf einer Internetseite kann man die Reisen der gemeldeten Drifter verfolgen: www.macroplastics.de

Wen diese weltlichen Gegenstände menschlicher Neugier nicht interessieren, mag sich im Anblick der herbstschnell ziehenden Wolken verlieren oder mit dem beruhigenden Rauschen der Wellen treiben lassen. Parallelverschiebung in eine andere Welt, die eigene, die innere, die zu Wort kommt, wenn man die äußere losgelassen hat, wenn das Rauschen der Wellen mit dem Rauschen der Gedanken verschmilzt. Leise meldet sich diese Welt, wahrnehmbar erst jetzt, bruchstückhaftes Treiben und Strudeln wahrheitsnaher Kopfbilder, wärmende Ströme aus dem Herzen, die mit der Zeit deutlicher werden, bis Du gemurmelte Worte dem Wind anvertraust, ihm allein — Du mit ihm allein. Du nimmst den Bogen Papier. Du schreibst Deine gemurmelten Worte darauf. Du rollst den Bogen sorgfältig und suchst Dir ein paar lange Grashalme, ihn damit zu umwickeln. Du schiebst die Rolle in die Flasche, die Du gut verschließt, damit Deine Worte den richtigen Menschen erreichen und nicht ertrinken. Mit einer weiten, schnellen Armbewegung und einem befreienden Schrei wirfst Du die Flasche weit hinaus aufs Meer.
Treib gut meine Liebe!