Archiv des Autors: Jürgen Kolk

Herbststille

30. November 2019

Still fällt der Regen auf Appelland, ganz leise, wie in einem Kokon, ohne viel Gewese, ohne pfeifenden Wind, ganz fein, als senkten sich Wolken auf die Landschaft. Unzählige winzige Tröpfchen schweben in Luft, mal etwas dichter und zahlreicher, dann wieder weniger dicht, eine Zeit lang sind sie ganz verschwunden, versteckt im grauen Dunst, doch dann sind sie plötzlich wieder da, treiben an mir vorbei, durchstreifen meine Blicke auf die Warft, auf die braun-grünen Salzwiesen, auf die grauen Wildgänse, auf die blaubehimmelten Sommerbilder von weidenden Rindern auf lila-grünen Flächen, an die der verwitterte Scheuerpfahl erinnert. Über der Nordsee verdichten sich Tröpfchen zu Tropfen und heben die Grenze zwischen Meer und Himmel auf, machen die horizontenen Warften von Oland und Langenness unsichtbar und dann die Gröder Warft schemenhaft, unwirklich. Still fällt der Regen auf Appelland.

Warten

31. Oktober 2019

Warten auf Gröde am wunderbar sonnigen 30. Oktober, so schön wie ein Spätsommertag. Gestern Nachmittag, nach der Arbeit, brachte ich Sabine und zwei Journalisten zum Anleger … warten auf’s Schiff. Diesmal warteten wir auf die Adler Express, weil sich das Warten auf unsere vertraute Seeadler nicht lohnte: Zu unsicher die Aussichten, ob unser Lieblingskapitän Gröde anlaufen kann. Er hatte selbst zu warten auf seine Chartergäste, warten, daß sie ihm ihren Abfahrtswunsch signalisieren. Darauf konnten wir auf Gröde aber nicht warten, und so war die Adler Express unser Schiff des Tages, gleichzeitig ihr letzter Stop auf Gröde in diesem Jahr. Also sanft anlegen und dann hurtig von Gröde nach Hörnum/Sylt, weiter mit dem Bus nach Westerland und von dort mit dem Zug nach Bredstedt. Warten auf das Schiff, zusammen mit Sabine, den Journalisten und den Tagesgästen, die die Adler Express knapp eineinhalb Stunden vorher auf Gröde von Bord gelassen hatte. Sie ertrugen das Warten zufrieden nach der Führung, die Sabine ihnen in der Kirche geboten hatte. Manch einer stellt noch eine verspätete Frage. Ich verabschiedete mich von den Journalisten und spähte den Horizont entlang im Südosten, sah das Schiff ganz klein, flitzend. Nun dauerte es nur noch ein paar Minuten, wir brauchten nicht lang zu warten, denn die Adler Express ist ein schnelles Schiff, wie ihr Name schon sagt: Warten kennt sie nicht. Ist man erstmal an Bord, heißt Warten Bewegung: Warten auf den nächsten Hafen ist Bewegung zum nächsten Hafen. Auf den Bus in Hörnum brauchten sie nicht lang zu warten, wohl aber auf den Zug in Westerland. Während Sabine und die Journalisten sich also abwechselnd wartend und bewegend von Gröde nach Bredstedt begaben, wartete ich auf das schönste Licht des Tages, saß auf der Steinkante, und mit mir warteten nur Luzi und ein paar Eiderenten auf die Sekunde, in der die Sonne den Horizont berührt, niemand sonst. Je länger wir warteten, desto mehr Gelassenheit stellte sich ein. Minutenlang schweifte mein Blick in die Ferne. Minutenlang trieben meine Gedanken übers Meer. Minutenlang schwieg ich. Minutenlang nahm ich die Veränderung des Lichts wahr, die Intensivierung der Farben, die Intensivierung des Beimirseins. Warten lohnt sich auch mal. In diesem Sinne! Jürgen

Herbstlich

Montag, 30. September 2019

Herbstlich geht es zu auf Gröde in diesen Tagen. Freitag sind die Rinder abgereist nach einem wirklich schönen Sommer auf der Hallig. Die Tiere und wir Gröder hatten Glück, denn am Abreisetag spielten Wind und Wetter und Wasser gut mit: Kein Stress, keine regendurchnäßten Menschen und Tiere, keine salzwassernassen Füße. Wettermäßige Punktlandung am Freitag. Samstag und Sonntag dann schon wieder durchwachsener mit hohen Wasserständen, sodass an einigen Stellen die Nordsee in die Hallig lief: Anlauf nehmen für das heutige Landunter mit Sturm.
Herbstliche Impressionen von Hallig Gröde.
Herzlichst, Jürgen

Septembermorgen

Samstag, 14. September 2019

Aufschrecken aus dem rätselhaften Traum.
Ich fühle mich erschöpft. Was für eine endlose mühsame kleinliche gehetzte lösungslose Geschichte: Nur ihr Ende projiziert sich als lose Bilderfolge auf die dunkel wabernde innere Leinwand. In dieser Bewegung vermischen sich die Szenen zunehmend mit meinen Fragen nach dem Geschehen des Traumes und wandern hin zu meinen Vorstellungen von einer möglichen Fortsetzung (Lösung?) und würfelt die Reihenfolge der erlebten und vorgestellten Bilder unentwirrbar durcheinander, je länger ich liegen bleibe. Während ich ein Bein oder einen Arm anspanne, den Kopf in das Kissen wühle, mit geschlossenen Augen dem hinterlassenen Gefühl nachspüre, wechseln sich die Bilder ab.

//Aus einer Öffnung oben auf der Motorhaube meines Traktors quellen Ströme von Kühlwasser und schüren meine Angst vor Überhitzung und Zerstörung des alten Motors.//
//In einer Garage entferne ich die Motorhaube, aber jetzt ist es die auf einem sehr altem Auto aus den 1920er Jahren, es hat jedoch die gleiche Farbe rot wie mein Traktor.//
//Ich suche die Ursache für den Kühlwasserverlust, aber unter der Öffnung in der Motorhaube finde ich kein Äquivalent im Motorblock.//
//Vorne, wo der Kühler sitzen soll, ist eine Menge Platz. Dort liegen hölzerne Kisten mit Flaschen, beklebt mit uralten Etiketten, die von uraltem Wein aus Frankreich erzählen.//
//Unter diesen Kisten finde ich etwas, das aussieht wie ein Autokühler ohne Schläuche, wie alte verrostete Kühlrippen, aber es ist nicht größer als ein Taschenbuch, steht in einem Scharnier und läßt sich nach vorne und nach hinten klappen.//

Mitten in diesem Bild schrecke ich auf aus meinem Traum, ohne eine Ursache für den Kühlwasserverlust gefunden zu haben. Wonach suche ich wirklich? Wo ist der Weg, meine Suche zu beenden?

Draußen auf dem Deich mein Blick gen Osten in die bereits hoch über dem Horizont am blanken Himmel stehende Sonne, die Nordsee und Salzwiesen in gleißendes Licht taucht. Fern im Fahrwasser ein Boot mit leuchtend weißen Segeln, wie treibend — langsam. Letzte Schwalben auf der Wäscheleine. Eine Gruppe Rinder trottet im Gegenlicht gemächlich Richtung Tränke: Einige grasen. Einige heben den Schwanz. Einige scheuern ihre Köpfe genüßlich an den Zaunpfählen. Andere stehen an der Pforte und schauen neugierig den Deich hinauf zu Luzi, die vor mir im Gras liegt. Es ist September, kontrastreich, die Nächte schon länger und dunkler, die Tage oft strahlend hell. Ich sitze auf der weißen Bank und lese. Die rätselhaften Traumbilder fast verblasst. Ich lege das Buch zur Seite. Meine Augen blinzeln dem Licht entgegen, dem neuen Tag, seinen neuen Möglichkeiten.

In der Küche treffe ich Sabine, die gerade die vom letzten Sturm abgeknickten Sonnenblumen ins Haus geholt und einen bunten Tisch geschmückt hat. In diesem Sinne!
Herzliche Grüße, Jürgen und Sabine

Tante Adelheid

Dunnersdag, 8. August Zweedusendnegntein

Dissen Summer weern de Langenesser Hallieens-Schauspeelers um Fiede Nissen weder op Gröde, dit mal, um uns mit Tante Adelheid to erfreuen. Vör twee Johr keem se mit „Pottscherben„, vör dree Johr mit „Dat Schwiegermonster„. Letzt Johr het das leider mit de Presse nich klappt, aber dit Johr weer de Schornalist weder darbi. Und vun Lüttmoor keem ok wedder Gerd-Walter und Thore mit een ganze Boot vull Lüüd na uns Gröder Theater. Veelen Dank för disse Aabend an de Langenesser Halieens und an de Gröder Bühnenopbuer. Und nu:
VÖRHANG OP!

De schöne Wilma … as se bi Egon een fremde BH funden hat, is se em afhaut. Und Egon meent nu, dat em gar nichts schöneres passeren kunn: Endlich weder fri! Und he freut sick … und he lamentiert … und he schwiert mit sine Fründe Paul und Fritz.
Mitten in jer Skatspiel klingelt dat an de Dör: De Postbüddel bringt een Bref vun Tante Adelheid: Ganz oplöst lest Egon vör: Mein lieber Neffe! … Tante Adelheid söcht een Nafolger für eern Krog, und nu will se Egon und Wilma besöken, will kiecken, ob Egon und Wilma wol de richtigen weern für eern feinen Krog. In een halbe Stünd is se al dor.
Und nu ward dat opregend in de „Mommsenhalle“ op Gröde.
Wilma! Wo bist Du? Egons Kindheitsdroom von’n eegen Gasthof ist nu so dicht bi und toglicks so wiit wech wie sin Wilma.
Fritz hät een fikeliinschen Idee: Ut Paul nun jo Wilma warn. Paul is bannig nich begeistert, aber nich lang, und he makt mit. Een BH is jo all dor, und tohopen plünnern Egon und Fritz em an: Ut Paul ward Paul-Wilma, mit Appelsinen in de BH und Strümpbüx an und mit een fesche Kleed ut Wilmas Schapp, denn bloß noch Perück op und een beten Farv int Gesicht, und schon kann de nüe Wilma sick sehen laten. Und fast rechttidig kummt se mit Fritz in de Stuv, wo Tante Adelheid al ungeduldig tövt.
Fritz is nu Pützbüddel und Paul-Wilma speelt eer Rull, bloß Tee kocken kann se nicht, aber toon Glück kummt Paul sin Fru Frida vörbi, is bannig överrascht und verschwind straks mit Paul-Wilma in de Kök. Fritz versöcht nu, Tante Adelheid deep in de Ogen to kiecken, doch se weert sick luut gegen sin Hypnosespökenkrams. Eerst als Paul-Wilma und Frida weder ut de Kök kom, klart de Luft langsam op. Und plötzlich steit dar uk noch de richtige Wilma in de Dör, und Egon is nu wirklich in de runde Fenn.
Fritz rettet se all ok ditmal! Em plagt das schlechte Geweten, denn de falsche Wilma is jo op sin Mist wussen. He sorgt nu daför, dat sick alle wedder verdrägen, und ant Ende geit Egons Droom doch noch in Erfüllung.

Junisommer

Sonntag, 30. Juni 2019

Sonnige Tage, warme Tage, heiße Tage, davon hatte der Juni viele im Gepäck, sodass wir manchen Abend sogar draußen verbringen konnten. Einige wenige Tage brachten Regen und Gewitter, aber längst nicht soviel wie in anderen Teilen Schleswig-Holsteins.
Am Anfang des Monats fanden wir einen Heuler, ein noch ganz junges Tier. Der Seehundjäger hat es abgeholt und in die Aufzuchtstation Friedrichskoog gebracht.
Das Brutgeschäft der Seevögel ist in vollem Gang. Die meisten Küken sind inzwischen geschlüpft und die Altvögel haben alle Schnäbel voll zu tun, die Kleinen satt zu kriegen. Ihr aufgeregtes Kreischen läßt Gröde sommerlich erklingen.
Liebe Grüße, Jürgen