Archiv des Autors: Jürgen Kolk

Treib gut

Samstag, 14. Oktober 2017

Viele Landunter in den letzten zwei Wochen. Viel Treibgut auf den Gröder Salzwiesen, an den Warften und Sommerdeichen. Unmengen alten Grases, abgebrochene, vertrocknete Halme, Stöcker, Pfähle, Stücke von Brettern, und dazwischen bunte Flecken: Plastik in allen Formen und Farben. Über viele Teile könnte man einfach den Kopf schütteln. Manches Treibgut entlockt mir ein Schmunzeln — der Schnuller zum Beispiel. Sein Verlust hat möglicherweise ein Sommerdrama am Nordseestrand ausgelöst, verzweifeltes Schluchzen in den Ohren urlaubsreifer Eltern voller Sehnsucht nach Ruhe und Harmonie …
Die Universität Oldenburg untersucht seit einiger Zeit die Treibwege der Plastikteile und hat viele Hölzchen mit Seriennummern in die Nordsee gegeben, sog. Drifter. Diese treiben auch auf Gröde an. Auf einer Internetseite kann man die Reisen der gemeldeten Drifter verfolgen: www.macroplastics.de

Wen diese weltlichen Gegenstände menschlicher Neugier nicht interessieren, mag sich im Anblick der herbstschnell ziehenden Wolken verlieren oder mit dem beruhigenden Rauschen der Wellen treiben lassen. Parallelverschiebung in eine andere Welt, die eigene, die innere, die zu Wort kommt, wenn man die äußere losgelassen hat, wenn das Rauschen der Wellen mit dem Rauschen der Gedanken verschmilzt. Leise meldet sich diese Welt, wahrnehmbar erst jetzt, bruchstückhaftes Treiben und Strudeln wahrheitsnaher Kopfbilder, wärmende Ströme aus dem Herzen, die mit der Zeit deutlicher werden, bis Du gemurmelte Worte dem Wind anvertraust, ihm allein — Du mit ihm allein. Du nimmst den Bogen Papier. Du schreibst Deine gemurmelten Worte darauf. Du rollst den Bogen sorgfältig und suchst Dir ein paar lange Grashalme, ihn damit zu umwickeln. Du schiebst die Rolle in die Flasche, die Du gut verschließt, damit Deine Worte den richtigen Menschen erreichen und nicht ertrinken. Mit einer weiten, schnellen Armbewegung und einem befreienden Schrei wirfst Du die Flasche weit hinaus aufs Meer.
Treib gut meine Liebe!

Advertisements

Admiräle

Freitag, 29. September 2017

Das Bild erzählt eigentlich schon fast alles:
Ein Septembersturm hat unseren Garten zerzaust und die Äpfel von den Bäumen geschüttelt, zur Freude von Amseln und Admirälen, die die letzten warmen Tage genauso genießen wie Sabine und ich und unsere Gäste im Haus. Auch der Rasen scheint im wunderschönen Licht freudiger zu wachsen als im Sommer.
Und die Blumen? Sie schenken uns ihre letzten Blüten:
Herbstbunt.

Sturm „Sebastian“ kam mit Wucht und viel Nordseewasser. Er nahm unsere Bänke an der Badestelle mit, spielte ausgelassen mit den großen Steinen und hinterließ eine Menge Treibgut. Rinder und Schafe verbrachten den Sturmtag auf der Warft, und ein paar Tage später hieß es dann auch schon Abschied nehmen für die Rinder:
Bye bye Halligsommer.

Ach ja … die Rolling Stones spielten in Hamburg im Stadtpark, ohne Filter. Vater-Sohn-Event mit Jesper. Kurz vor Konzertbeginn hörte der Regen auf — wie sollte es auch anders sein! —  und dann als Eröffnung ganz in roter Lightshow:
Please allow me to introduce myself, I’m a man of wealth and taste.
I’ve been around for a long, long years, stole million man’s soul and faith.
Mick Jagger auch nach 55 Jahren auf der Bühne noch unübertroffen kultig klasse.
Soviel zum Thema Daseinsfreude!
Diese wünsche ich Euch, und ein wunderschönes (langes) Wochenende!
Jürgen

The Rolling Stones: No Filter Tour. Eröffnungskonzert 9. September 2017 im Stadtpark Hamburg. Wer nicht dabei war: Aufnahmen vom Konzert gibts bei YouTube.

 

Sommerabendfeeling

Montag, 7. August 2017

Abend – Sommerabend – Sommerabendfeeling – Grödefeeling.
Der geschäftige Tag beruhigt sich.
Weiter Himmel über weiten Watten.
Kein Wind, nur das Geschrei der Seevögel.
Die Sonne verabschiedet diesen Tag.
Der Mond begrüßt die Nacht.
Von der partiellen Mondfinsternis haben wir nur noch einen kleinen Rest gesehen.

Viele Grüße, Jürgen 

Pottscherben

Deenstag, 1. August 2017

Int letzte Johr weer „Dat Schwiegermonster“ de Düüvel int Hus. Dit Johr nehmen sick de Mannslüüd veel to wichtig. Wi op Gröde kreegen vörspeelt, wie so een ganz alldägliche Dag twischen Mann und Fru utsehen deit: Scherben und Glück legen bannig dicht bieenander.

De Langenesser Laienspeelgruppe Halieen weer güstern Aabend to Gast op Gröde mit ehr Stück „Pottscherben“. Dor flegen de Fetzen twischen de Lüüd und de Kaffeekannen von de Disch. Dor queest he öber dat Eeten, und se is nicht blot mit em verheiraat, uk mit Kök und Herd.

Wenn nicht de Schwägerin weer, de ehrn Broder man to god kennt und em op de Pott setten kann, har sick das Schauspeel wiss nicht so hit kokt. Anschienend möten sick Mannslüüd immer bewiesen, das se alles köönt, uk wenn se vun Tuten und Blasen keen Ahnung hem: Eier kokt man jüst so lang as Kartüffeln …
Op jeden Fall hem de fofftig Tokieckers in de „Mommsenhalle“ immer weder luut klatscht.

De Gröder segen veelen Dank Fiede, Katja, Thies, Alina, Bahne und Lore för jenge tolle Speelkunst und för jenge Reise mit Fiedes Boot, um uns to erfreuen! Schön, dat de Lüttmoorer Halliglüüd uk wedder kom sind. So haarn wir alle tohopen en fuchtige Summeraabend! Bet tot nächste Maal mit veel Schnack und Spaas!

 

Sommerhimmel

Donnerstag, 27. Juli 2017

Der Sommerhimmel auf Gröde ist in diesem Juli so richtig vielfältig, von blau bis grau ist alles dabei. Vorgestern Abend erfreute uns der Himmel mit buntem Sonnenuntergangsleuchten.

Früh heute Morgen begrüßte der Himmel Luzi und mich mit monotonem Grau. Wir erahnten schon die fein nieselnden Tröpfchen, die inzwischen das Küchenfenster zieren und meinen heissen Kaffee in Annabelles handgetöpfertem Becher noch einladender als sonst erscheinen lassen. Junge Schwalben flattern zwischen Holunderbaum und Blitzableiter hin und her, Schutz suchend und auf Futter wartend. Ein handfester Südwind ruckelte heute Morgen am offenen Scheunentor und ließ die Schafgatter hinterm Haus hin und her klappern. Ich zog meine Jacke über. Oben auf der Deichkrone bei der weißen Bank kämmte der Wind Luzis langes Fell, als wir unsere Blicke über die Hallig schweifen ließen. Ganz im Osten, im Graben, liegt seit gestern Nachmittag ein Segler. Vor zwölf Stunden landete der Rettungshubschrauber direkt vor unserem Tor unten an der Warft: Der kleine Peer hatte sich beim Spielen den Arm gebrochen. Die Windräder am Horizont drehen sich weiter. Wir gehen die Auffahrt hinunter, ein Stück den Weg entlang und biegen dann in die Wiesen ab. Ihr Grün ist gesprenkelt mit hellem Wermut und lila Halligflieder. Luzi findet eine Feder, schnuppert daran, nimmt sie vorsichtig zwischen die Vorderzähne und trägt sie eine Weile mit sich, bevor sie den Grabenrand spannender findet und die Feder wieder fallen läßt. Während wir beide über die sommerlichen Salzwiesen schlendern, begleiten uns 100 Seeschwalben. Sie segeln und erzählen ihre Geschichte: „kriii-aaa“. Ich schaue auf, und mit der Fröhlichkeit der Seeschwalben erscheint mir der Himmel bunter als er wirklich ist.

Unsere Schafe, die ich im Süden bei der Badestelle sehe, sind auch wieder fröhlich, nachdem der Schafscherer ihnen vor zwei Wochen endlich den dicken Pelz ausgezogen hat. Ausserdem sind Hanna und Lilly zu Besuch, und die verbreiten immer Fröhlichkeit, egal wie der Sommerhimmel gerade aussieht. Die unteren Fotos sind von ihnen.

Wir alle zusammen wünschen Euch weiterhin einen guten Sommer! Jürgen

Halligflieder 2017

Sonntag, 23. Juli 2017

Er blüht wieder, der Halligflieder auf Gröde.
In diesen Tagen ist er in voller Pracht auf unseren Salzwiesen zu finden, wie immer am üppigsten und am schönsten in den tiefer gelegenen Landstücken und an den Kanten, dort wo die salzige Nordsee oft die Erde tränkt.
Ein paar Impressionen für Euch von einem wunderbaren Sommermorgen im Juli.
Viele Grüße, Jürgen und Sabine

Sommerstürmchen

Donnerstag, 8. Juni 2017

Als „Sommerstürmchen“ betitelte die Tagesschau auf ihrer Website das Sturmtief Ingraban mit seinen organstarken Böen.
Nicht nur große Teile Europas erlebten gestern und heute ein „Sommerstürmchen“: England, Deutschland, Frankreich, Belgien, Holland und Dänemark. Nein, auch unser kleines Fleckchen Gröde lag mittendrin unter dichtesten Grauwolken, mit peitschenden Ligusterhecken, fliegenden Fahnen, nassen Hunden, waagerecht sausenden Regenstreifen und gischtenden Nordseewellen, die drei Fluten nacheinander unsere schützenden Kanten erstiegen und die trüben Sommerwasser in den Halligprielen aufmischten.
Gestern Nachmittag schrieb ich noch: Warten wir mal ab, wieviel in der Nacht zu Donnerstag hineinläuft, dann ist der höchste Wasserstand in diesem „Sommerstürmchen“ vorhergesagt.
Und wie hoch kam es nun, das Nordseewasser?
Zu hoch auf jeden Fall, um weiter abzuwarten. Nachdem wir am Abend die Schafe von den Salzwiesen nach Hause getrieben hatten, holten wir auch die Rinder auf die Warft, wo sie trocken und sicher die Nacht verbringen konnten.
Aber nicht so hoch, dass sie auch den heutigen Tag noch auf der Warft ausharren mussten. Frühmorgens durften alle Tiere die Warft wieder verlassen: die höher gelegenen Teile von Gröde waren trocken geblieben.
Ich finde, das „Sommerstürmchen“ war ein ausgewachsener Herbststurm! … mit traurigen Auswirkungen auf die noch viel zu junge Vogelbrut 😦
Viele Grüße, Jürgen