Archiv des Autors: Jürgen Kolk

Regengrau

Sonntag, 29. August 2021
Ich begrüße den regengrauen Sonntagmorgen mit tiefen Atemzügen in der frischen und feuchten Luft. Luzi und ich machen gemeinsam eine Morgenrunde über die Hallig nach der langen Nacht, in der sich Phasen bleiernen Schlafes mit Phasen unruhigen Halbwachens in dämmerigem Morgengrau abwechselten. Eigentlich erwartet mich ein Sonntag. Nichts steht an. Kein Gästewechsel, keine Wohnungen putzen und vorbereiten für neue Urlaubsgäste – das haben Sabine und ich alles schon gestern und vorgestern erledigt. Keine Telefonate, keine Planungen, keine Organisation. Das neue Viehhock auf Hallig Gröde ist im August fertig geworden – richtig gut! Aber die Unruhe läßt mich nicht wirklich los. Zu viele andere Baustellen, ToDos und Ideen springen mir durch den Kopf. Wahrscheinlich sind es weniger die äußeren Baustellen, die mir gerade die Ausgeglichenheit rauben, sondern vielmehr die inneren, die sich ihre Platzhalter suchen, hinter denen sie sich verstecken. Aber da heute Sonntag ist und nichts ansteht, will ich versuchen, ihnen Raum zu geben, sie annehmen, akzeptieren. Lösungen werde ich für sie heute nicht finden. Oder vielleicht doch? Wenigstens Einordnungen, Ansätze und Perspektiven … Wenn ich es schaffe, den Unruhezustand anzunehmen, wenn ich mir sagen kann: Es ist so!, dann ist dafür einiges getan.

Salz

Samstag, 31. Juli 2021

Salz auf der Haut. Sommerwetter und Badewetter im Juli fast bis zum Schluss. Zuletzt dann ein Regen- und Sturmtag mit Landunter: Salzwasser auf der Hallig und in den Stiefeln.

Sommer. Barfuß laufe ich über weiches Halliggras und sonnenwarmen Felsen der Steinkante, in deren Vertiefungen sich funkelnde Salzkrusten bilden, wie lauter kleine Diamanten. Im Wind und in meiner Nase der Duft des üppig blühenden Halligflieders. Ich schwimme in der Nordsee, ihr salziger Geschmack auf meiner Zunge. Unsere neue Badetreppe ist wunderbar! Zum Trocknen sitze ich auf den warmen Steinen. Das Salz prickelt auf meiner Haut. Mein Blick will auf Wellen und Horizont ruhen, aber das Glitzern der Wellen unter dem blauen Himmel ist so intensiv und die Tage sind so bewegt, dass die Ruhe nicht wirklich einkehren will. Erst abends, wenn der Wind zur Ruhe kommt, komme auch ich zur Ruhe. 

Donnerstagabend kamen der Wind und ich nicht zur Ruhe, beide nicht, und auch andere auf Gröde nicht, Mensch und Tier, denn wir holten bei Sturm die Rinder auf die Warft, weil die Nordsee – ebenfalls unruhig und wild bewegt – unsere Salzwiesen überschwemmte. Abwechselnd hielten Nick, Volker und ich Wache in der Nacht bei den Tieren. Am nächsten Morgen durften sie wieder auf die durchnäßten Wiesen zurück. Nach getaner Arbeit – aufräumen und saubermachen – bescherte uns die Sonne zur Belohnung gleich wieder einen Tag mit Badewetter – der Sommer geht weiter … 
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Herzliche Grüße
Jürgen und Sabine

Üppig

Mittwoch, 30. Juni 2021

Üppig ist die Hallig jetzt im Juni. In unserem Garten blüht es, die Hühner haben Küken, der Wermut bildet dicke Teppiche und die Halligflieder zeigt seine ersten Blüten. Die Rinder freuen sich über fettes Gras. Leider komme ich gerade nicht dazu, viel zu schreiben. Heute also nur ein paar Impressionen. Herzliche Grüße!
Jürgen

Maiwonnen

Montag, 31. Mai 2021
Am Ende hat er uns doch noch warmes Wetter spendiert, der Mai: Eine Wonne, nachdem es meist kalt war, ungewöhnlich kalt. Die Hallig hat sich gefüllt und erwacht wieder zum Leben, mit grünem Gras, mit rosa Strandnelken, mit großen Seevogelkolonien voller kreischender Lachmöwen und Seeschwalben, mit Rindern. Feriengäste dürfen wieder Urlaub machen bei uns. Es gab tolle Wolkenbilder zu erleben; Gröde hat eine neue Badetreppe bekommen; es gab stürmische Tage mit leichtem Landunter auf Teilen der Hallig; und jetzt endlich sommerliche Tage! Abwechslungsreich war dieser Monat, und deshalb heute ein kleines Feuerwerk an Bildern, was alles los war in den Maiwonnen.
Herzliche Grüße, Jürgen

Motor

Freitag, 30. April 2021

Nordfriesland wird Modellregion für Tourismus in Deutschland in Zeiten der Pandemie. Morgen geht es los: 1. Mai 2021. War schon mein Verlangen nach entspannten und ungezwungenen Begegnungen mit Menschen Motor für Kreativität, so ist die Aussicht, im Mai wieder Feriengäste beherbergen zu dürfen ein noch größerer Motor. Nachdem die Entscheidung gefallen war vor knapp zwei Wochen, ging alles ganz schnell. Die Kreisverwaltung hat sich mächtig ins Zeug gelegt, und fast jeden Tag gab es neue Details, Regelungen und Möglichkeiten: Dynamik auf allen Seiten, dieses Projekt zu gestalten, das für viele Menschen plötzlich einen Urlaub in Nordfriesland in greifbare Nähe rückt. Auch bei uns auf den Halligen. Sabine und ich sind mittendrin, die Rahmenbedingungen der Modellregion umzusetzen und Urlaub auf Gröde möglich zu machen. Wir freuen uns sehr über die neuen Möglichkeiten und auf Euch, die Ihr im Mai kommen wollt. Gemeinsam sind wir ein Teil dieser Modellregion.
Herzliche Grüße! Jürgen und Sabine

Verlangen

Sonntag, 28. März 2021

Verlangen wonach?
Bauchgefühl: Entspannung.

Ist Verlangen trügerisch? Ist es nur eine Momentaufnahme, so wie jede Fotografie?
Gibt es eine Zeitlosigkeit des Verlangens?
Oder gibt es die Zeitlosigkeit eines Verlangens, eines bestimmten?
Verlangen als Kontinuität, Verlangen, das sich manifestiert?

In diesen Zeiten nicht enden wollenden Lockdowns manifestiert sich mein Verlangen, wieder entspannt und ungezwungen mit Menschen verkehren zu können, mit Familie, mit Freunden, mit Feriengästen. Osterurlaub auf Gröde ist auch in diesem Jahr nicht drin. Schauen wir mal, was der Sommer bringt. Mein Verlangen bleibt und gleichzeitig die Hoffnung und die Zuversicht, daß die Lage wieder einfacher wird.

Trotz der Lockdown-Ruhe sind es wirklich spannende und bewegende Zeiten, in denen wir aktuell leben, und vielleicht bricht sich gerade deshalb das Verlangen eine Bahn. Ich denke nicht, daß es trügerisch ist, sondern hoffnungsvoll und individuell für jeden von uns etwas anderes, je nach Bedürfnis, je nach Wahrnehmung. Verlangen ist für mich ein Motor und macht kreativ. Hauptsache man kann es für sich fassen und ausdrücken, und dabei hilft vielleicht die Lockdown-Ruhe ebenso wir ein langer Halligurlaub.

Heute ist es auf Gröde grau, windig und regnerisch. Vor ein paar Tagen aber bot das Wetter uns wunderbare Licht- und Wolkenspiele. Und die Wildgänse folgen ihrem jährlichen Verlangen und geben ihr Stelldichein auf Gröde.

Am kommenden Wochenende ist Ostern. Sabine und ich wünschen Euch Zuversicht und Kreativität für diese Tage, und Fröhlichkeit miteinander.
Frohe Ostern!

Schnee und Eis

Samstag, 27. Februar 2021

Im Februar erlebten wir auch auf Gröde einen richtigen Winter, wenn auch nur knapp zwei Wochen lang. Jetzt zum Ende hin grüßte schon mal der Frühling für ein paar Tage. Unser Winter brachte neuen Schnee und frostige Tage und tolles Winterlicht. Täglich bildete sich mehr Eis auf der Nordsee und trieb, von Wind und Strömung bewegt, um Gröde herum. Dazu zeitweise starker Ostwind, sodaß erst sehr wenig Wasser da war und dann immer mehr Eis, und die Schifffahrt von und zu den Halligen nur eingeschränkt möglich war. Hier ein paar Impressionen. Wir wünschen Euch ein schönes Wochenende!
Jürgen und Sabine

Schneeflocken

31. Januar 2021

Ein sanfter Nordwind wirbelte eines kühlen Nachmittags Schneeflocken aus hohen Wolkenbergen hinab auf die Gröder Wiesen und Warft.

Mit Leichtigkeit nahmen die Schneeflocken allen Dingen, und auch manchen Gedanken, Schärfe, Schwere und Last. Sie landeten lautlos auf Büscheln überjährigen Grases, auf dürren Doldenresten des Halligflieders und auf den Rücken der Schafe, ohne dahinzuschmelzen.

Es schien, als suche eine jede sich während des Fluges ihren Platz auf der Hallig, um sich dann genau in dem für sie bestimmten Moment abzusetzen, freudig, nach der wirbelnden Reise ihr Ziel erreicht zu haben. Und nun wartete sie auf Gesellschaft. In der Tat: Es kamen immer noch mehr Schneeflocken, gesellten sich dazu, bildeten Häubchen von unschuldiger Zartheit auf allem Gras und jedem Stein.

Die winterlich braunen Salzwiesen verloren ihre Ödheit unter der hell und heller werdenden Flockendecke, die, mit der Zeit kräftiger und mutiger und mit der Kälte zum Freund, samtweich liegen blieb auf allen Konturen der weiten Wiesen und ihnen sanfte Rundungen und ein neues Gesicht verlieh.

Herzliche Grüße von der leicht verschneiten Hallig Gröde. Jürgen und Sabine

Weihnachten 2o2o

23. Dezember 2o2o

Ihr Lieben,
Weihnachten, und irgendwie nicht so wie sonst.
Versammeln wir uns? Versammeln wir uns nicht?
Wären wir alle Glückskäfer, würden uns die viel zu aufregenden täglichen Nachrichten und Hiobsbotschaften nicht irritieren. Ein paar Dezembersonnenstrahlen würden ausreichen, groß und klein glücklich zu machen und mit einer genußvollen Versammlung ein Zeichen der Nähe zu setzen.
Nun sind wir aber Menschen, Verantwortung spürend. Versammeln tun wir uns auch in diesen Tagen zum Jahresende, aber tun wir es auch unbeschwert?
Nein.
Da schwingt ständig Pandemie mit, wie das Sturmrauschen, das wir nicht abstellen können, weil es außerhalb unserer Macht liegt. Es wird uns viel zugemutet in diesen Zeiten. Sogar auf Weihnachtsgottesdienst verzichten viele freiwillig oder weil sie kurzfristig gar nicht mehr stattfinden. Aber wenn wir uns auf die Suche machen, finden wir an vielen Stellen wohltuende Worte. Bei Paulo Coelho fand ich neulich Worte, die mich berührt haben, weil sie an das Vertrauen appellieren, an mein Vertrauen, daß diejenigen, die während dieser Wochen große Verantwortung in unserer Gesellschaft tragen, die richtigen und angemessenen Entscheidungen treffen:

Es gibt zwei Arten zu beten.
Bei der ersten bittet man, daß bestimmte Dinge geschehen mögen, und versucht dabei, Gott zu sagen, was Er zu tun hat. Dies gesteht dem Schöpfer weder Zeit noch einen Handlungsspielraum zu. Gott weiß sehr viel besser als jeder von uns, daß Er tun wird, was Er für richtig hält. Und in demjenigen, der so gebetet hat, bleibt das Gefühl zurück, nicht erhört worden zu sein.
Bei der zweiten Art des Betens überläßt sich der Mensch Gottes Ratschluß, ohne die Wege des Höchsten zu kennen. Er bittet darum, vom Leid verschont zu werden, bittet um Freude beim Guten Kampf, aber er vergißt nie zu sagen: „Dein Wille geschehe“.


Die zweite Art zu beten tut einfach mal gut. Loslassen für ein paar Tage. Vertrauen.
Ich vertraue darauf, daß wir in absehbarer Zeit mal wieder Glückskäfer sein dürfen und uns in der Sonne versammeln.
Frohe Weihnachten. Bleibt behütet.
Jürgen und Sabine

Augenblick

28. November 2020

Was ist die Wahrheit des Augenblicks?
Sabine sitzt im Sessel in unserem Wohnzimmer.
Ich liege ihr gegenüber in der Liege.
Es ist Abend.
Draußen liegt die Warft in der Novemberdunkelheit.
Der Wind stürmt und der Regen peitscht gegen das Fenster.
Die Flut kommt höher als sonst.
Zum morgigen Spaziergang erwarten uns überschwemmte Salzwiesen.
Luzi liegt zwischen uns auf den Dielen und bearbeitet hingebungsvoll einen ihrer fünf Knochen, die seit Wochen interessant sind. Knirschend schaben ihre Zähne über die Hüftkugel, die früher einmal einem Rind gehörte. Jetzt steht sie auf, nimmt den Knochen ins Maul, dreht sich einmal um sich selbst, legt sich wieder hin, klemmt sich den Knochen zwischen ihre Vorderpfoten und schabt beharrlich weiter, bis es auf einmal knackt und Luzi genüßlich schmatzend ein abgesplittertes Stück zerkaut.
Sabine nimmt ihr Strickzeug und nähert sich Masche für Masche der Vollendung einer bunten Wollsocke.
Ich schaue Luzi zu, die genauso wenig allein sein mag wie ich und zufrieden, bei uns im Wohnzimmer sein zu dürfen, ihren Knochen genießt. Ich lese ein paar Seiten in meinem aktuellen Lieblingsbuch. Ich schreibe ein paar Zeilen mit der Füllfeder in der Hand, diese hier. Abtippen, denke ich, kann ich sie später. Ich denke gleichzeitig an ein paar Menschen, die mit mir gemeinsam meinen Kopf und mein Herz bevölkern, als wäre es eine Party dort drinnen in mir. Karin hat heute Geburtstag — Herzlichen Glückwunsch und Umarmung! In Wirklichkeit ist jede und jeder bei sich selbst, zuhause, nicht hier mit mir in diesem Raum, in diesem Haus, an diesem Ort.
Hier sind Sabine, Luzi und ich. Niemand anderes, dem ich in die Augen schauen könnte.
Es ist November. Es ist die Zeit des zweiten Corona-Lockdowns, wenn auch nur „Light“. Für Sabine und mich wäre ein anderer November in einem anderen Jahr auch nicht so verschieden: Unsere diesjährige Saison ist zuende und wir genießen die aktuelle Stille.
Vermisse ich etwas? Die Umarmungen mit Freunden, ja. Einen ausgedehnten Bummel durch die weihnachtliche Lübecker Altstadt, so wie sonst in der Adventszeit? Klar, wäre nett, aber wirklich wichtig ist das nicht.
Reduzieren wir uns aufs Wesentliche.
Sabine strickt die finalen Maschen der bunten Wollsocke: 4-3-2-1-fertig 🙂
Luzi schläft. Die Knochenarbeit ist getan.
Ich schreibe die letzten Worte dieses Tages.
Das ist die Wahrheit des Augenblicks.
Herzliche Grüße und bleibt gesund.
Jürgen