Archiv des Autors: Jürgen Kolk

August

Freitag, 28. August 2020

Verblüht sieht er nun aus, der Halligflieder. Nicht mehr so leuchtend lila wie noch vor ein paar Wochen. Trotzdem Sommer! Der August auf Gröde zeigte sich alles andere als verblüht, sondern kraftvoll mit viel Sonne und Wärme bis 30°C, so wie man sich das im Urlaub wünscht. Badewetter auf ganzer Linie, das unsere Gäste fast jeden Tag ausgiebig nutzten. Und abends draußen sitzen, bis die Sonne am Horizont verglüht und die Sternschnuppen sich zeigen. In den letzten Tagen gab es viel Regen – auch wirklich gut nach der langen Trockenheit. Wir wünschen ein schönes letztes Augustwochenende! Jürgen und Sabine

Julisturm

Montag, 6. Juli 2020

Gerade ist Ruhe eingekehrt. Auf dem Deich von der weißen Bank aus beobachte ich die Rinder, die vor der Warft grasen. Es ist halb elf. Alle halbe Stunde füllen wir Halligmänner die Wannen mit Wasser – die Rinder haben Durst. Abwarten.
Gerade scheint die Sonne zwischen den vielen Wolken. Der Wind treibt schnelle Schatten über das leuchtende Gras, über die Priele und das Tief und die Baggerlöcher, die alle noch breite Wasserflächen sind nach dem gestrigen Landunter. Mit einem Meter über normal ist die Hallig am Nachmittag gerade untergelaufen, nur einzelne grüne Streifen waren noch zu sehen an der Kante im Süden und im Westen.
Einige Rinder legen sich jetzt hin. Die Nacht haben sie im Pferch auf der Warft verbracht. Mond und Wetterleuchten verzierten die eilenden Wolken. Um sieben Uhr haben wir sie wieder rausgelassen, runtergelassen auf die Hallig, aber sie müssen in Warftnähe bleiben, denn heute Nachmittag erwarten wir das nächste Landunter, so die Prognose. Vielleicht haben wir ja etwas Glück, es kommt weniger Wasser und die Rinder bräuchten nicht wieder in den Pferch, sondern könnten unten vor der Warft bleiben.
Jetzt liegen fast alle. Sie haben ihren Durst gestillt. Sie haben das saftige Gras gefressen. Das Meer glitzert silbern. Die Möwen trotzen dem Sturmwind. Den Horizont entlang ziehen Regenschauer. Momentaufnahme. Die Rinder ruhen. Sie ruhen sich aus von den Strapazen der Nacht, von der Enge im Pferch, vom vielen Stehen. Manche liegen ganz auf der Seite, den Kopf abgelegt und alle vier Beine ausgestreckt, dösen in der Sonne und lassen ihr braunes Fell trocknen, das vom letzten Regenschauer noch nass ist.
Auf dem Rand einer Wanne stehen zwei Nilgänse und tauchen abwechselnd ihre Schnäbel ins Wasser: Eine wacht stets, ob alles rundherum in Ordnung ist: Ja alles sicher, die Rinder ruhen und Menschen sind nicht in Sicht. Eine dicke Wolke schiebt sich vor die Sonne und die Wärme verläßt mich für eine Weile, kehrt aber schnell wieder zurück. Auf dem Deich steht piepend ein Rotschenkel. Seeschwalben taumeln und schaukeln vorbei wie Gaukler. Zwei Austernfischer sitzen nebeneinander auf der Wiese. Ob sie wohl ihr Gelege betrauern, oder gar ihr Küken, das die Flut mitnahm? Windböen kräuseln das Wasser auf dem breiten Priel, auf dem eine junge Lachmöwe schwimmt: Sie hat das Hochwasser überstanden. Das war bisher keine gute Brutsaison für die Seevögel auf Gröde. Vor vier Wochen gab es schon einmal ein Hochwasser, das Teile der Hallig unter Wasser setzte. Die Windräder am Festland drehen sich heute schnell und produzieren viel Strom. Vor dem Ockholmer Deich ist eine rote Fahrwassertonne in den Lahnungsfeldern gestrandet, zeigt mir der Blick durch das Fernglas.
Inzwischen ist es halb zwei. Noch zwei Stunden bis zum nächsten Hochwasser. Die weichen weißen Wellenzungen lecken eifrig an der harten Steinkante von Habel. Die ein oder andere Gischt springt im Süden an der Gröder Kante hoch hinauf, hell aufleuchtend. Die Strahlen der gleißenden Mittagssonne spielen mit den aufblitzenden Träumen eines jeden Gischttropfens, sie lassen einen jeden Tropfen einen Moment lang über sich selbst hinauswachsen … bevor sein Traum wieder in der Nordsee verschwindet oder auf einem Stein zerplatzt. Der Traum von uns Menschen und von den Rindern, das Hochwasser des zweiten Tages vielleicht doch auf den Salzwiesen abwettern zu können, zerplatzt ebenso mit steigendem Wasserstand.
Es ist wie es ist. Herzliche Grüße, Jürgen

Sommerlich

Dienstag, 30. Juni 2020

Nun ist er schon wieder vorbei, der Juni, und wir sind mittendrin, den Sommer zu gestalten in diesem ungewöhnlichen Jahr. Die Urlaubsgäste dürfen weiterhin auf die Hallig kommen, mit den Tagesgästen war es jedoch noch mager, da die Schiffe nicht mit voller Kapazität fahren durften. Die Zeit ist dahingeeilt wie die Wolken an den stürmischen Tagen in diesem Monat. Einmal brachte der Sturm in der Nacht soviel Nordsee mit, dass Teile von Gröde unter Wasser gingen und die brütenden Seevögel arg zu leiden hatten. Viele haben anschließend neue Gelege angelegt, die Austernfischer manchmal direkt im Spülsaum des Hochwassers an den Sommerdeichen. Die Rinder brauchten wir nicht auf die Warft holen, sie konnten die Nacht auf den etwas höher gelegenen Flächen westlich der Warften abwettern.

An den meisten Tagen im Juni hatten wir jedoch wunderbares Wetter mit viel Sonne und einigen sommerlich heißen Zeiten. Da ließen sich manche Abende draußen verbringen. Die viele Wärme hat auch den Halligflieder beflügelt, der kurz vor dem Ende des Monats bereits seine ersten Blüten zeigte: Es scheint ein guter Sommer für ihn zu werden.

Erwachen

30. Mai 2020

Das Erwachen findet statt. Nach Wochen der Einschränkung kehrt auch bei uns auf Gröde das Leben zurück, die Aktivität nach der verlängerten Winterruhe, die Begegnungen nach der Isolation. Wir dürfen wieder Feriengäste beherbergen. Die Vogelwelt ist in vollem Gang, kreischend lebendig – die haben sich von den menschengemachten Einschränkungen nicht beeindrucken lassen. Auch die Rinder nicht, die wie jeden Sommer im Mai nach Gröde gekommen sind. Mit den Tagestouristen bleibt es spärlich, sie kommen noch nicht in Herden. Sattes Grün setzt sich langsam durch, geschmückt mit rosa Strandgrasnelken. Wir wünschen frohe Pfingsten! Jürgen und Sabine

CorOstern

Samstag, 11. April 2020

Coronazeit. Osterzeit. Ein Kraftakt für alle, sagte unser Bundespräsident heute. Ein Mutmacher ist er, und das tut gut. Und es tut gut, sich vorzustellen, dass wir wirklich alle aus diesen Zeiten und den Erfahrungen, die sie mit sich bringen, lernen, jeder für sich und miteinander – eine schöne Vorstellung, die er in seiner Rede gezeichnet hat, um der Gesellschaft unter enormer Belastung eine Zuversicht für die Zukunft zu geben.

Nach der Kreuzigung Jesu erfolgte seine Auferstehung. Ostern – das Fest der Freude. Wo Schatten ist, ist auch Licht. Wo Angst ist, ist auch Zuversicht.
In diesem Sinne – wir freuen uns über Euch, auch wenn Ihr in diesen Tagen nicht nach Gröde kommen könnt, und wünschen Euch
Frohe Ostern!
Jürgen und Sabine

Himmelskrone

30. März 2020

Es ist schon ein spannendes Jahr, in das wir vor drei Monaten gestartet sind. Erst die Stille vor dem Sturm, dann die Sturmzeit nach der Stille, dann das Biikefeuer mit nur vorgestellten Flammen, und im März nun des Himmels Krönung – diesmal ein wenig wie Sturm und Stille zugleich. 

„Hast Du schon mal nach oben geschaut?“ fragte Volker, während wir draußen unserer Arbeit nachgingen. Das ist schon länger als eine Woche her. Ein herrlich blauer Märzhimmel spannte sich über uns von Horizont zu Horizont in alle vier Himmelsrichtungen. Ich überlegte, was er wohl gemeint haben könnte oder welcher Witz jetzt folgen würde. Aber es folgte kein Witz, sondern eine in dieser Zeit durchaus zutreffende Feststellung mit ernstem Hintergrund: „Es fehlen die Kondensstreifen.“ Man kann es drehen und wenden wie man will, es ist sowohl etwas Wunderschönes in dieser Aussage, impliziert sie doch die Vorstellung vom strahlend blauen Himmel als Krone über alle Welt, als auch eine Verwunderung über die gewaltigen gesellschaftlichen Auswirkungen des weltweiten Siegeszugs eines kleinen gekrönten Virus‘. Betroffen sind wir alle, nicht nur Ihr Familie, Freunde und Gäste in Braunlage, Hamburg, Kiel, Berlin, Apolda, Schwartau, Weinstadt, Heinsberg oder Pinneberg … oder wo immer ihr mit der Kontaktsperre zu leben habt, auch auf Gröde spüren wir die Auswirkungen, weil z.B. keine Feriengäste kommen dürfen und wir einigen von Euch absagen mussten. Die Enttäuschung, kurzfristig nicht nach Gröde fahren zu dürfen, können wir gut verstehen. Wäre schön mit Euch gewesen – wir holen alles nach.

Es ist für uns eine Zeit mit weiten blauen Himmeln ohne Kondensstreifen über weitem Meer, mit erwachender Vogelwelt und intensivem Licht, sodass die Gesichtshaut abends schon mal prickelt. Es ist eine Zeit für dicke Bücher und lange gemeinsame Spaziergänge mit Pausen, um die Ringelgänse, die Lachmöwen und die Säbelschnäbler zu beobachten, die in Schwärmen schon die Hallig bevölkern. Natürlich arbeiten wir auch, aber es bleibt viel Zeit für uns übrig. Wir selbst erleben in diesen Wochen auf Gröde die Reduktion auf das Wesentliche und die Entschleunigung, die sonst unsere Feriengäste hier suchen. Wenn wir in den Medien die Bilder von menschenleeren U-Bahnhöfen und Straßen sehen, denken wir, muss auch dort Entschleunigung stattgefunden haben, sie scheint also nicht nur auf einen Urlaubsort begrenzt zu sein – wenn man nur will. Im Kontrast dazu dann die Vorstellung von Hektik, Anspannung und schier endloser Kraftanstrengung der Mitarbeiter in Kliniken oder Krisenstäben; Hochachtung und Respekt denjenigen, die jetzt alles geben.

Schauen wir nach oben, into the blue, genießen wir die Entschleunigung, bleiben wir gelassen, aber auch ein bisschen gespannt, wie lange es dauert, bis immer mehr Kondensstreifen die Himmelskrone mit den Riefen eines neuen Alltags versehen.
In diesem Sinne. Gehabt Euch wohl und bleibt gesund! Sabine und Jürgen

Biike 2020

22. Februar 2020

Unser Biikefeuer sagten wir ab.

Ich könnte auch schreiben: Unser Biikefeuer ist ins Wasser gefallen.
Das Landunter setzte unseren Brennplatz unter Wasser und lief bis zum Abend nicht ab.

Ans Errichten eines Biikehaufens war nicht zu denken, nicht an das Aufschichten der abgeschnittenen Äste und Sträucher aus unseren Gärten, die nach den vielen Stürmen in diesem Monat nicht gerade winterlich aussehen, so wie man sich das vorstellt, sondern zerzaust und matschig, und nicht an das Aufstapeln der seit Monaten in unseren Scheunen gesammelten Kartons, in denen unser Kaufmann am Festland uns die sorgfältig verpackte Ware liefert, auch im Winter, obwohl nicht so oft wie im Sommer, weil wir allein sind, ohne Feriengäste, und weniger Bedarf haben, und nicht mal an das Hinaufschleudern alter Hölzer auf den mittlerweile hoch gewachsenen Haufen, Hölzer von Zäunen, Fußböden, Heuböden, Anhängern und anderen Winterbaustellen in unseren Häusern und um sie herum.

Weil wir nun unseren Biikehaufen nicht errichtet hatten, pilgerten wir des Abends auch nicht zu ihm mit Glühwein, Schmalzbroten und Vorfreude und entzündeten nichts — oder doch — man stelle sich das nur vor: Was wäre wenn? wir einen Biikehaufen entzündet hätten, vielleicht wie die Raucher ihre Zigaretten mit Streichhölzern oder Feuerzeugen, die aber bei dem regennaß wetternden Sturmwind nicht brauchbar gewesen wären, oder mit der blau fauchenden Flamme einer Lötlampe, ja, damit hätten wir es sicher geschafft, und dann stünden wir mit Lachen in den Augen und heißen Glühweinbechern zwischen den Händen im Windschutz eines Anhängers und beobachteten gespannt, wie sich die zarten Flammen zunächst umschauten, wie sie sich vor den Böen wegduckten und doch zitternd weiterlebten und größer würden, bis sie Kartons durchdrängten und Äste beleckten, und unser Biikehaufen dann knackend und zischend dicke Dampfwolken und Millionen Funken in den schwarzen Himmel entsenden würde — fast waagerecht mit dem Sturmwind.

Man stelle sich das nur vor: Was für Bilder entzündeten sich einem?

Mit Grüßen von Gröde im Sturm. Jürgen

Sabine

Mittwoch, 12. Februar 2020

Sonntag war die Stille vor dem Sturm vorbei.
Das ist mal ein schöner Name für ein Orkantief: Sabine – groß, kraftvoll, beständig.
Seit Sonntag Vormittag stürmt sie und baute sich am Nachmittag immer stärker auf, das Windfeld riesig, Gröde ganz klein darunter. Die aufgewühlte Nordsee schwappte über Steinkanten und füllte Gräben, obwohl Sonntag noch gar nicht so hoher Wasserstand war. Zehn Stunden lang donnerten die Böen in 10 und 11 Windstärken durch unsere Warft, zippelten an unserem Dach, das jedoch ohne großen Schaden davongekommen ist.

Am nächsten Morgen. Montag. Während Sabine in Süddeutschland weiterstürmte, war sie in der Halligwelt schon zahmer geworden. 170km/h auf dem Feldberg im Schwarzwald, las ich in einer Meldung … wie gut, dass unsere Warft nicht so hoch ist. In List/Sylt hat man 117km/h gemessen. Der Wind bläst aber bis heute noch sehr stark, sodass sogar ein kurzer Spaziergang mit Luzi zur Anstrengung wird, dazu viel viel Regen und in der Nacht zu Dienstag eine paar laute Gewitterschläge. Aber nicht mehr diese heftigen Windspitzen, die das Haus erzittern lassen. Dafür jedoch Sturmfluten mit jedem Hochwasser seit Montag Morgen. Unsere Warften umgeben von bewegter See, heute ganz früh mit dem vorerst höchsten Wasserstand von 2,5 Meter über normal Hochwasser. Jetzt liegt der Treibselsaum auf zwei Drittel Deichhöhe. In der kommenden Nacht soll Sabine sich beruhigen … ein letztes Landunter noch und dann ist erstmal Pause.
Herzliche Grüße von Gröde, Jürgen und Sabine