Archiv für den Monat Mai 2015

Rungholt – ein Kontrast

05_12_7304

Heut bin ich über Rungholt gefahren,
Die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren.
Noch schlagen die Wellen da wild und empört,
Wie damals, als sie die Marschen zerstört.
Die Maschine des Dampfers schütterte, stöhnte,
Aus den Wassern rief es unheimlich und höhnte:
Trutz, Blanke Hans.

Von der Nordsee, der Mordsee, vom Festland geschieden,
Liegen die friesischen Inseln im Frieden.
Und Zeugen weltenvernichtender Wut,
Taucht Hallig auf Hallig aus fliehender Flut.
Die Möwe zankt schon auf wachsenden Watten,
Der Seehund sonnt sich auf sandigen Platten.
Trutz, Blanke Hans.

21. Mai 2015

Die Ballade vom Untergang der Stadt Rungholt während der Ersten Groten Mandränke 1362. In sieben weiteren Strophen beschwört Detlev von Liliencron 1883 Rungholts sagenhaften Reichtum und seiner Bewohner, so die Legenden, lasterhaftes und gottloses Leben, höhnisch die Naturgewalten der Nordsee verachtend: ‚Wir trotzen dir, Blanker Hans, Nordseeteich!‘
Achim Reichel hat dieses Gedicht über das Schicksal der Menschen von Rungholt 1978 vertont, auch heute noch schön und schauerlich anzuhören:
https://www.youtube.com/watch?v=4i6TXKRx9A8

Heut bin ich mit der Rungholt gefahren, dem kleinen gemütlichen Ausflugsschiff, das den Namen der berühmten Stadt trägt. Ganz aus Holz gebaut, befährt es seit mehr als 50 Jahren das Nordfriesische Wattenmeer von Schlüttsiel aus. Mal laufen Kapitän Uwe Petersen und sein Matrose Jörg Oland an, mal die Halligen Langeness, Hooge oder Gröde. Doch nicht immer ist das Ziel einer Fahrt im Vorweg festgelegt — oft ist die Fahrt selbst das Ziel, ja, das Erlebnis für die Tagesgäste an Bord. Auf seinen Halligmeerfahrten erzählt der Kapitän mit Hingabe viel Wissenswertes über sein Fahrtgebiet, seine Heimat, über Geschichte, Natur, Stürme und Schicksale. Bereits sein Vater befuhr mit der Rungholt die selben Routen wie er, und beide versorgten jahrzehntelang die Bewohner der Hallig Gröde mit Liniendienst.

Heut bin ich mit der Rungholt gefahren, eine Fahrt durch die Nordseewatten, in blaugoldenes Mittagslicht getaucht, von Schlüttsiel nach Gröde, nach Hause. Kaum hat das Schiff den Hafen verlassen, hinaus in das schmale Fahrwasser, die Schlütt, markiert mit Pricken, erstrecken sich links und rechts die Watten, bleiern, grau, glänzend, durchzogen von kleinen Prielen, Rinnsalen, die ihr Aussehen täglich verändern. Ich sehe ihre Bächlein im Vorbeifahren unserem Fahrwasser zustreben, lautlos plätschernd.

Auf der Backbordseite, für ein paar kurze Minuten vorbeiziehend, am Saum zwischen grauem Wasser und grauen Watten ein schmaler Streifen grauen Schaums, eine Hand breit nur, von Strömungen und Wellenwhispern aufgeschäumte Algen. Ein langer langer Schwung nach links und dann langsam harmonisch die Richtung wechselnd in fließendem Übergang hinüber in einen langen langen Schwung nach rechts, sich in der Ferne verlierend und am Horizont vereinend mit der hohen Kante von Gröde zu einer gemeinsamen Linie und darauf gesattelt die zwei Warften — zwei Rosse galoppierend im gleißenden Gegenlicht? — langsam ziehen sie vorbei an mir, dem stehenden Betrachter auf dem fahrenden Schiff.

Weiter draußen, zwischen Gröde und Langeness, nähert sich die Rungholt weiten Sandbänken, die mit der steigenden Flut langsam kleiner werden. An ihren Ufern liegen Seehunde dösend in der Sonne und lassen sich von den ersten Wellen umspülen. Eine große Schar Eiderenten sind ihre Kameraden. Über dem Kielwasser unseres Schiffes tanzen Seeschwalben im kühlfrischen Maiwind, auf spitzen Schwingen wippend, schwarze Käppchen auf dem Kopf. Manch eine erspäht ein kleines silbernes Fischchen, stößt geschwind hinab, blitzschnell zuschnappend und schert aus dem fliegenden Gefolge der Rungholt aus, die frische Beute stolz im roten Schnabel.

Vor mir auf dem Oberdeck, dem sonnigen, die einzigen Fahrgäste, eine Familie mit mehreren Kindern, warm verpackt in bunten Jacken und Kapuzen, nicht aus dem Norden, eher aus dem Süden kommend. Schau! Die Vögel, und dort, die Seehunde. Kapitän Petersen steuert seine Rungholt näher an die Sandbank, Schleichfahrt, mit leisem Motor, auch seine Fahrgäste um Ruhe bittend, um die Tiere nicht zu stören. Die Spannung steigt. Bleiben sie liegen oder tauchen sie vorher ab? Doch dann Belohnung auf alle! Träge blinzeln die Seehunde zum Schiff herüber, räkeln sich, drehen sich von einer Seite auf die andere, manche bereits vom Wasser berührt. Die Eiderenten putzen unbeeindruckt ihr Gefieder. Und die Anspannung der Kinder löst sich in leisen, aufgeregten Worten und schneller Klickfolge der Kamera. Und dann noch schnell die immer noch tanzend fischenden Seeschwalben einfangen — klickklickklickklickklick. Die Fahrt sei doch wie ein kleines Abenteuer, meint der Junge mit der Kamera um den Hals, und erntet ein dankbares Lächeln seiner Mutter.

Neben mir auf dem Oberdeck, dem sonnigen, an Backbord, still an die Reling gelehnt, Gröde zwischen Licht und Gegenlicht zugewandt, ins Glitzern der Wellen versunken, die Fotografin. Sie sucht, sie komponiert ihr Foto, so scheints, ihr Ziel. Sie prüft, ihren Augenblick durch die klare Optik ihrer Kamera lenkend, diesem Handwerkszeug ihrer Kunst, ihre Imagination, abwartend, ihre Komposition jetzt sicher verfeinernd vor dem geistigen Auge, und dann ist er da, der einzig mögliche Moment, schnellste Korrektur am Objektiv und vorgestelltes und erschautes Bild schieben sich in vollkommener Deckung übereinander. Fingerdruck — Spiegel — Reflex — Klack — im Sekundenbruchteil eins. Das ist es. Zufrieden? Ich weiß es nicht. Ihr Gesicht verrät nichts. Was die Kamera behütet, bleibt der Fotografin Geheimnis.

Die Rungholt nähert sich Gröde, deren Steinkante immer noch hoch aus dem auflaufendem Wasser ragt. Die dicken hölzernen Pfähle des Anlegers erscheinen mir von so tief unten hoch wie Bäume. Ein ganzer Wald von ihnen schützt den Anleger ringsum vor den harten Schlägen der Schiffe bei rauer Nordsee, dem Blanken Hans. Heute jedoch ist alles weich, Nordseeteich, nicht nur das sanfte Anlegemanöver von Kapitän Uwe Petersen und seinem Matrosen Jörg, nicht nur das maiwindige Rieseln der weißen Blütenblätter unseres Apfelbaumes durch den Garten, nicht nur die Begrüßungslippen meiner Frau, nicht nur das Lachen meiner Tochter, die über Pfingsten zu Besuch. Auch ich selbst fühle mich weich beim mitfühlenden Gedanken an das nasskalte, düstere Schicksal der Menschen in Rungholt vor sechshundert Jahren, denn ich habe es gerade gut an diesem Maitag auf der Hallig.

Advertisements

Von Herden und Schwärmen

DSC_3663Freitag, 8. Mai 2015

Herden und Schwärme gehören zu Gröde wie die Silhouette seiner Warften.
Wenn bei schönem Wetter mehrere Ausflugsschiffe zur Flutzeit anlanden, schwärmen für kurze Zeit viele viele Tagesgäste gleichzeitig über Kirchwarft und Knudtswarft. Ich persönlich finde das nicht schlimm, auch wenn ich mich dann wie der Bewohner eines Museumsdorfes  fühle, beäugt, befragt und manchmal belächelt. Touristen sind wir doch alle mal, stets auf der Suche nach neuen Eindrücken. Der eine oder andere Tagesgast ersteht für kleines Geld ein Eis, ein Andenken oder ein exklusives Stück handgetöpferte Keramik, um sich zuhause noch lange Zeit an seinen Kurzbesuch auf Hallig Gröde zu erinnern.  Ein paar wenige sind so beeindruckt, dass sie wiederkommen und sich eine Ferienwohnung mieten: Urlaub, Entschleunigung und Ruhe abseits des Herdenlebens in der Stadt. Wenn die Gäste gerne kommen, dann ist dies auch zum Wohle von uns Halligbewohnern, die wir ein Stück weit davon leben, und eine schöne Bestätigung unserer Entscheidung, hier zu leben.

Herden und Schwärme sind der Kontrast zu unserem Leben in relativer Abgeschiedenheit, selbst auf Gröde. Wir leben mit unserer Schafherde das ganze Jahr über. Und in den Sommermonaten betreuen alle Gröder gemeinsam eine Rinderherde. Sie ist vor ein paar Tagen mit zwei Schiffstouren gekommen, 85 Stück Nachwuchsvieh von zwei Bioland-Höfen auf dem Festland, die unsere fetten, reichhaltigen Salzwiesen schätzen. Rinder und Schafe teilen sich die Hallig noch mit Schwärmen von Ringelgänsen, die jedoch in ca. zwei Wochen nach Sibirien weiterfliegen zum Brüten – an ihrer Trägheit beim Starten sieht man, dass sie schwerer geworden sind. Auf der Durchreise sind auch große Schwärme von Knutts, die im Wattenmeer Rast machen. Schwärme von Austernfischern warten auf der Steinkante, dass die Nordsee die Wattflächen mit den Muscheln wieder frei gibt. Die Lachmöwen bilden mehrere große Brutkolonien auf Gröde, in denen sie recht sicher vor den großen, räuberischen Silber- und Heringsmöwen ihre Jungen aufziehen können. Brüten als Schwarm – auch eine Strategie. Die Seeschwalben schließen sich manchmal einer solchen Kolonie an, während die Austernfischer, deutlich sichtbar, vereinzelt brüten. Ihre Eier und Küken sind leichte Beute, auch wenn sie sich oft mutige Luftkämpfe mit den großen Möwen liefern.

Bis auf das Foto von der Ankunft der Rinder sind alle Bilder von heute: Ein herrlich warmer Frühlingstag mit wenig Wind und wunderbarem Spätnachmittagslicht. Wünsche ein erholsames Wochenende! Jürgen

Foto: Rudi Grohmann

Foto: Rudi Grohmann

DSC_3629DSC_3596DSC_3606DSC_3621DSC_3640DSC_3659

Zwei Nilgänse haben sich unter die Ringelgänse gemischt. Ob sie wohl hierbleiben?

Zwei Nilgänse haben sich unter die Ringelgänse gemischt. Ob sie wohl hierbleiben?

DSC_3675

 

Tag der Arbeit

DSC_3564

1. Mai 2015

Wer erinnert sich an die nackte Pfahlreihe auf unserem Deich? Die stand immerhin schon fast zwei Jahre. Heute endlich die spannende Vollendung mit gespannten Drähten.

Bereits vor drei Jahren war der altersschwache Zaun verschwunden, der unseren Wäschedeich von Lueys Deichwiese trennte. Nicht die nachbarschaftliche Trennung war sein Sinn, eher die Eingrenzung der Bewegungsfreiheit meiner Schafe. Dürfen sie auf dem Wäschedeich grasen, so nur da. Und wenn sie ein Sommerlandunter auf Lueys großer Deichwiese erleben dürfen, freuen sich Sabine mit ihrer Wäsche auf den Wäschedeichwäscheleinen und natürlich unsere Feriengäste im Sonnenterrassensonnenschein darüber, dass die Schafe hinter dem Zaun bleiben und ihre Köpfe nicht an Wäsche, Stühlen oder Beinen scheuern.

Zum Zeitpunkt der Aufnahmen zeigte sich der neue Schafbegrenzungszaun schonmal soweit fertiggestellt, daß die Schafe wenigstens nicht mehr drüberspringen können, wie eine unserer Beobachterinnen schmunzelnd bemerkte. Bis zum Abend hatten Luey und ich auch den unteren Teil der Pfähle schafsicher verdrahtet nach einem gemeinsam verbrachten Tag der Arbeit. (Alle Fotos A. F.)

DSC_3571DSC_3575