Bock haben

DSC_4200

Im ersten Licht des Tages: Worauf hast Du Bock heute?

Donnerstag, 5. November 2015

Ich habe heute Bock auf den kommenden Winter, auf Sturmtage und Regentage und Landuntertage, auf Frosttage und Festtage. Wenn ich auf die aktuellen Wetteraussichten schaue … da könnte schon was dabei sein. Den ganzen Oktober hindurch hatten wir auch auf Gröde einen „Goldenen Herbst“, wie anderswo in Europa auch, dazu wenig Wind, fast ungewöhnlich für diese Jahreszeit. Ihr erinnert Euch: Vor zwei Jahren hatten wir mit „Christian“ schon den ersten Sturm hinter uns, mit Schäden an allen Dächern auf Gröde.

Auf was man nicht alles Bock haben kann. Wenn ich am Nachmittag von der Arbeit nach Hause komme, draußen ist es kühl und feucht, oder neblig, oder spätherbstlich sonnig, dann habe ich Bock auf einen richtig guten Kaffee mit einer Prise duftendem Kardamom, frisch vermahlen – das macht mich dann glücklich für die nächste Stunde. Dazu ein gutes Buch, auf das ich gerade Bock habe. Zur Zeit lese ich erneut die „Murmeljagd“ von Ulrich Becher, langsam und mit sich entwickelnden Imaginationen im Kopf, die aus Bechers bildhafter Sprache gespeist werden. Außerdem habe ich gerade Lesebock auf Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“, mein zweiter Anlauf, bei dem ich diesmal allerdings recht schnell durch die meisten Seiten sause, um dem Umfang des Werkes und den schier endlosen Beschreibungen des Autors Rechnung zu tragen; nur an den mich besonders berührenden Passagen verlangsame ich mein Lesetempo und lasse den Inhalt und die ausschweifende Sprache auf mich wirken. Proust spricht mehrmals von Hindernissen, die einer Entwicklung im Wege stünden. Er bereichert das Wort Hindernis jedoch zugleich mit einem spannungsvollen, ja magischen Schwung, indem er es mit den Attributen geheimnisvoll und zeitgebunden versieht (Band 2, S. 661) und damit in Bewegung  setzt, in eine Denkbewegung Richtung Zukunft, vielleicht auch in Richtung Sehnsucht, denn für sie gibt es kein Hindernis. Auf irgendetwas Bock haben ist für mich auch eine Art Sehnsucht, z.B. nach einem Ort oder einem Menschen, einer Stimmung.

Sabine hatte in diesen Tagen Bock auf Stricken. Außerdem hatte sie Bock aufzuräumen, als da waren Schränke und Fensterbänke und Zimmer und Wohnungen und sicherlich auch das Selbst, ja das kann richtig befreiend sein, wie sie meint, und sie hat Bock aufs Verreisen. Die Saison ist vorbei, das Haus ist leer. Zeit für sich, für Freunde und Kinder. Auch schön.

Die Schafe haben Bock — auf einen Bock, ihren Bock, IHREN Schafbock. Seit zehn Tagen schon gehen sie miteinander, die Schafdamen und ihr Schafbock, und mir scheint, sie sind in Stimmung, sie haben richtig Bock aufeinander, sie haben sogar Lust aufeinander, die Damen haben Lust auf ihren Liebhaber, und der Schafbock hat Lust auf seine Damen. Die Schafdamen haben einen Bock gemeinsam und alle zusammen haben sie Lust miteinander. Und so fängt der Kreislauf der Schafe wieder von vorne an. Bockzeit. Trächtigkeit. Lammzeit. Sommerzeit.
Herzliche Grüße, Jürgen

DSC_4195DSC_4197DSC_4203DSC_4207DSC_4216DSC_4222DSC_4227DSC_4234

Ein Gedanke zu „Bock haben

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.