Biike 2018

Sonntag, 25. Februar 2018

Da war Betriebsamkeit an Nachmittagen.
Scheunen und Schuppen befreit vom Ballast.
Büsche und Gärten bereit für neues Leben.
Kein Regen. Kaum Wind.

Begrüßungsrauch,
Aufsteigend in den Himmel, sich entfaltend,
Wohlgenährt und warm.

Funken wirbeln wie Gedanken.
Sie knistern tausend Worte, unausgesprochen.
Sie funkeln tausend Blicke, ungehalten.
Worte, die einst gehört.
Blicke, die einst begegnet.
Wahrgenommen, aber flüchtig.

Gedanken wirbeln jetzt wie Funken,
Blitzen auf — und fliehen.
Ihr flüchtiges Sein ist
Das Recht auf Zweifel:
Auch jetzt kein festes Halten.
Auch jetzt nicht verloren.

Tausend Verbindungen wieder knüpfend,
Schwingen Worte und Blicke
Schwerelos.


Worte von Jürgen und Sabine. Bilder von Jürgen.

Fusswellness

Sonntag, 28. Januar 2018

Es ist Wochenende. Sabine ist einige Tage auf dem Festland und ich bin allein in unserem großen, leeren Haus, keine Gäste. Winterruhe. Nur Luzi und ich. Ich beschäftige mich mit liegengebliebener Büroarbeit, sitze viel an Schreibtisch und Bildschirm, das alte Jahr will abgeschlossen werden und das neue Jahr gilt es vorzubereiten, damit unser Betrieb hier geordnet weiterläuft. Einmal am Tag mache ich einen langen Spaziergang über die Hallig, nicht nur für Luzi, sondern auch für mich selbst, raus aus dem Haus, weg vom Bildschirm, von Zahlenkolonnen, sich stapelnden Leitzordnern und der ständig klappernden Tastatur. Luzi und ich gehen jeden Tag denselben Weg. Die Gewohnheit und der Wiedererkennungswert beruhigen ungemein, kaum Ablenkung von außen, kein neuer Abzweig in eine andere Richtung. Luzi weiß schon genau, welchem Weg wir folgen. Wir starten von der Warft Richtung Osten, als erstes über die erste Brücke, als zweites über die zweite Brücke, wo Luzi vor dem Tor stehenbleibt, bis ich mit schwingenden Metalltönen den Riegel ziehe, das Tor öffne, Luzi durchgehen lasse, selber durchgehe und mit der gleichen Geräuschkulisse den Riegel wieder durchstecke. Wir biegen links ab, an den kleinen Anlegern vorbei auf den Sommerdeich und dann am großen Graben entlang immer weiter nach Osten bis zur Möwenecke. Dort auf der Bank ist erstmal Pause angesagt, denn Luzi und ich sind schon ein wenig erschöpft: Unterwegs findet Luzi einen gegabelten Stock, heute denselben wie gestern. Diesen Stock quer zwischen den Zähnen und mit blitzenden Augen schaut sie mich herausfordernd an, als wolle sie sagen: Fang mich doch. Und das versuche ich. Manchmal läßt sie mich den Stock ergattern, damit ich ihn weit weg schleuder und sie ihn in schnellstem Galopp zurückholt. So tollen wir minutenlang auf dem Sommerdeich herum, bis das Spiel langweilig wird und der Stock irgendwo liegenbleibt – bis wir ihn wieder finden und die Gewohnheit siegt, vielleicht morgen? Verdiente Pause also auf der Bank an der Möwenecke mit Blick auf das Festland. Frisch gestärkt ziehen wir nach einigen Minuten weiter mit dem Wind von vorne die lange Strecke auf dem Appellanddeich an den Lahnungsfeldern entlang bis zur Westkante, dort wo der große Steindeich mit dem gepflasterten Weg beginnt, der bis zur Schleuse führt. Meine Füße in den Gummistiefeln sind inzwischen recht warm geworden von den vielen Schritten und dem Schwingen der Stiefel. Die Pflasterung des Weges mit großen Granitsteinen ist ideal für Fusswellness: Sie ist nicht langweilig glatt, sondern besteht aus vielen kleinen und großen Unebenheiten und ist angenehm kühl an den Füßen – also Stiefel ausziehen, Socken runter und den rauen Granit an den Fußsohlen spüren. Langsamen Schrittes schlendere ich weiter, langsam, ganz langsam, die Augen nur auf die Steine gerichtet, suche ich mir für jeden Schritt einen neuen Stein, meinen Fuß darauf zu setzen. Im Gegensatz zum Laufen in den Stiefeln benutze ich gefühlt jeden Muskel im Fuß und in den Zehen, und am Ende der Strecke fühlen sich meine Fußsohlen richtig durchgewalkt an. Diesen Weg barfuß zu gehen ist wie eine langanhaltende Fußreflexzonenmassage. Und da meine Augen nur auf den nächsten ausgesuchten Stein schauen, ist kaum Ablenkung da, und ich kann ganz bei mir bleiben – zur Fusswellness gesellt sich lässig Seelenwellness.
Wünsche Euch eine gelassene Arbeitswoche! Jürgen

Eishauch

Freitag, 19. Januar 2018

So richtig eisig? War es bisher nicht auf Gröde. Ein eisiger Hauch nur, gerade kalt genug für hübsche kleine Eiskunst auf Wegen und Gräben und zum Wäschesteifen auf der Leine, vor zehn Tagen und auch heute wieder. Der kurze Frost haucht glitzernd über die Hallig und zeigt was er kann, wenn er will. Aber will er denn so richtig? Oder will er nicht – nicht mehr – noch nicht? Auch die schneestürmische „Friederike“, das Orkantief von gestern, hat uns, nicht nur geografisch, links liegen lassen: Eine hübsche Schneeschauervorstellung mit dichtem Flockentanz kriegten wir abgeworfen, sonst nichts. Heute ist schon wieder alles weg. Bei Euch alles in Ordnung? Hoffentlich nicht gestrandet mit der Bahn, dem Auto, auf dem Weg zur Schule oder zur Arbeit? Kein Baum quer auf dem Dach? Keine mannshohe Schneewehe vor der Haustür? Nicht stromlos kalt zuhause? Das hoffen wir mal!
Herzlichst, Jürgen und Sabine

Höhlenleben

Samstag, 30. Dezember 2017

Sabine sitzt mir gegenüber und erzählt von ihren Hühnern, die im Hühnerhaus auf dem Muschelboden ihre Sandbadefeste feiern: Sie haben einen Teil ihres täglichen Lebens nach drinnen verlegt und erfreuen sich am trockenen Muschelsand in ihrer Hühnerhöhle. Draußen ist es stürmisch und kaum ein Tag vergeht ohne Regen: Über Gröde ziehen himmelhohe  Schauerwolken hinweg und hinterlassen  Pfützen, in denen sich anschließend die kleinen blauen Farbflecken zwischen den Wolken spiegeln, seltene Gäste in diesen Tagen.

Vorhin habe ich mich mit Luzi durchpusten lassen: Raus aus der Höhle, hinein in die kurzen hellen Stunden. Flatternde Kapuze über meiner Mütze – draußen versuche ich noch unter der Kapuze eine kleine schützende Höhle zu finden, der Erfolg ist eher symbolisch. Luzi schaut je nach Laufrichtung aus wie ein schlanker Windhund, wie ein gestriegelter Schäferhund, wie ein gegen den Strich gebürsteter Terrier oder wie ein frisch dem Friseur entlaufener Langhaarcollie mit gewachstem Seitenscheitel auf dem Weg ins Büro.

Tiefer hängende Wolkenfetzen sausen in Windeseile unter den beeindruckenden, leuchtend Türmen hindurch, als seien sie auf der Flucht vor dem nächsten Regenschauer. Nach schweisstreibender Auseinandersetzung mit dem Gegenwind begleitet mich der hilfsbereite Rückenwind zurück nach Hause, zurück zu Frau und Kindern, die mich schon zum Frühstück erwarten: Kerzenschein in der warmen Höhle mit Kaffee- und Croissantduft.

Weihnachten ist vorbei, das Jahresende in Sicht. Sabine und ich wünschen Euch für 2018 stabile Gesundheit, lässige Gelassenheit, beeindruckende Begegnungen und ein Feuerwerk voller Lichtblicke.
Wir freuen uns auf eine neue Saison, in der wir das Leben mit Euch wieder nach Draußen verlagern können!
Guten Rutsch — Jürgen

Weihnachtsruhe

Samstag, 23. Dezember 2017

Liebe Freunde,
liebe Feriengäste,
liebe Familie,

Ruhe kehrt ein auf der Hallig, morgen ist Weihnachten. Und das ist schön – auch in diesem Jahr wieder. Unsere Vorbereitungen haben wir getroffen, alles ist hübsch gemacht, die Kuchen sind gebacken, ein paar Geschenke sind gepackt, ein Stapel Weihnachtspost ist eingetrudelt und wartet darauf, in Ruhe geöffnet zu werden.
Die Weihnachtsruhe darf einkehren.
Draußen wird es lauter und bewegter zugehen – wir erwarten Sturm. In unserem Haus könnte es dadurch um so gemütlicher werden. Und es gibt heute sogar einen Weihnachtsgottesdienst: Vielen Dank an unseren Pastor und unseren Kapitän, die es möglich machen!

Wir wünschen Euch allen ein paar Tage voller Freude. Wir wünschen Ruhe und Zeit für Euch selbst und für die Menschen um Euch herum, die Euch gern haben. Wir wünschen Euch Gesundheit und gute Gedanken und viele leuchtende Lichtblicke am Weihnachtsbaum!
Herzlichst, Sabine und Jürgen

Grau

Sonntag, 10. Dezember 2017

Zuerst erschien uns in diesem späten Herbst die Langeweile, die scheinbare lange Weile mit ihrer eintönig grau reduzierten Einfachheit, die für den einen oder anderen Zeitgenossen jedoch als Himmel auf Erden herbeigesehnt sein könnte, wenn man sie als Auszeit vom hektisch grau melierten Arbeits- oder Großstadtalltag betrachtet.

Seit einiger Zeit erscheint uns das Grau. Drei Tage lang haben unsere Schafe ihr Leben bei uns auf der Warft verbracht. Schon wieder prasseln graue Regeltropfen an die Fensterscheibe. Vielleicht sollten wir mit Nina Simone singen I got the blues. What can I lose. Good Bye. Selbst unsere Hühner haben sich damit abgefunden, öfter im grauen Matsch als im grünen Rasen zu scharren. Aber es gibt auch Lichtblicke: Sabines strahlende Augen, als sie mir die Hand mit dem ersten Ei entgegenstreckt, das die Hühner nach Wochen der Mauser und Abstinenz gelegt haben!

Weitläufig grauer Himmel mit wandernden grauen Wolken, aus denen nassgraue Regenschauer fallen, manchmal auch geräuschvolle Graupelschauer, und heute morgen sogar einen wirbliger Schneeschauer mit lustigen Flocken, die im Wind tanzten und die Hallig für einige Minuten mit einer hellgrauen, wie frischer Zuckerguß  wirkenden, Schicht überzogen, die – viel zu nass – alsbald wieder dahin schmolz. Die graue Nordsee brachte uns flutenweise graue Landunter. Breite graue Priele stehen auf den nassen Salzwiesen. Die grauen Schafe versuchen der noch graueren Einheitlichkeit zu trotzen und haben sich vom Bock bunte Flecken auf ihre Hintern malen lassen — ein schöner Kontrast beim Blick in die graue Morgendämmerung, lange nach dem Weckerklingeln. Nach einem viel zu kurzen Tag mit einem noch viel kürzeren sonnigen Highlight nahen in langsamem Elefantentrott die grauen Abendwolken aus Westen und künden die baldige Dämmerung an, die grau über grau immer grauer und grauer und dunkler grauer und noch dunkler grauer und dunkelgrau, wirklich dunkel, nachtdunkel über uns kommt. Auf die Sterne ist nicht immer Verlass, aber die Windräder am festländischen Horizont blinken zuverlässig und taktvoll ihr Rot.

Und Sabine und Jürgen zünden jetzt die zweite Kerze an und wünschen Euch einen schönen zweiten Advent mit Lichtblick!