Augenblick

28. November 2020

Was ist die Wahrheit des Augenblicks?
Sabine sitzt im Sessel in unserem Wohnzimmer.
Ich liege ihr gegenüber in der Liege.
Es ist Abend.
Draußen liegt die Warft in der Novemberdunkelheit.
Der Wind stürmt und der Regen peitscht gegen das Fenster.
Die Flut kommt höher als sonst.
Zum morgigen Spaziergang erwarten uns überschwemmte Salzwiesen.
Luzi liegt zwischen uns auf den Dielen und bearbeitet hingebungsvoll einen ihrer fünf Knochen, die seit Wochen interessant sind. Knirschend schaben ihre Zähne über die Hüftkugel, die früher einmal einem Rind gehörte. Jetzt steht sie auf, nimmt den Knochen ins Maul, dreht sich einmal um sich selbst, legt sich wieder hin, klemmt sich den Knochen zwischen ihre Vorderpfoten und schabt beharrlich weiter, bis es auf einmal knackt und Luzi genüßlich schmatzend ein abgesplittertes Stück zerkaut.
Sabine nimmt ihr Strickzeug und nähert sich Masche für Masche der Vollendung einer bunten Wollsocke.
Ich schaue Luzi zu, die genauso wenig allein sein mag wie ich und zufrieden, bei uns im Wohnzimmer sein zu dürfen, ihren Knochen genießt. Ich lese ein paar Seiten in meinem aktuellen Lieblingsbuch. Ich schreibe ein paar Zeilen mit der Füllfeder in der Hand, diese hier. Abtippen, denke ich, kann ich sie später. Ich denke gleichzeitig an ein paar Menschen, die mit mir gemeinsam meinen Kopf und mein Herz bevölkern, als wäre es eine Party dort drinnen in mir. Karin hat heute Geburtstag — Herzlichen Glückwunsch und Umarmung! In Wirklichkeit ist jede und jeder bei sich selbst, zuhause, nicht hier mit mir in diesem Raum, in diesem Haus, an diesem Ort.
Hier sind Sabine, Luzi und ich. Niemand anderes, dem ich in die Augen schauen könnte.
Es ist November. Es ist die Zeit des zweiten Corona-Lockdowns, wenn auch nur „Light“. Für Sabine und mich wäre ein anderer November in einem anderen Jahr auch nicht so verschieden: Unsere diesjährige Saison ist zuende und wir genießen die aktuelle Stille.
Vermisse ich etwas? Die Umarmungen mit Freunden, ja. Einen ausgedehnten Bummel durch die weihnachtliche Lübecker Altstadt, so wie sonst in der Adventszeit? Klar, wäre nett, aber wirklich wichtig ist das nicht.
Reduzieren wir uns aufs Wesentliche.
Sabine strickt die finalen Maschen der bunten Wollsocke: 4-3-2-1-fertig 🙂
Luzi schläft. Die Knochenarbeit ist getan.
Ich schreibe die letzten Worte dieses Tages.
Das ist die Wahrheit des Augenblicks.
Herzliche Grüße und bleibt gesund.
Jürgen

 

Ein Gedanke zu „Augenblick

  1. hbschbergnews

    Wieder ein lesenswerter, ansprechender Text von der ‚Hallig‘! Es macht Erinnerungen an unsere Begegnung auf Gröde wach! Vielleicht mal wieder, wenn diese belastende Zeit ein Ende hat!! Alles Gute! Ihr, Sabine und Jürgen, könnt mit Einsamkeit umgehen! Einsam wird es auf Gröde ja ohnehin nie! Man erlebt es in den Berichten mit. Auf dem ‚Festland’ müssen wir’s gerade lernen! Bleibt gesund, Dieter

    Antwort

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