An der Kante

Dienstag, 29. September 2020

Verläßt du die Warft auf Gröde und gehst nach Westen oder nach Süden, bist Du schnell an der Steinkante, der harten Trennlinie zwischen Salzwiese und salziger Nordsee. Gehst Du nach Norden, mußt du unwegsame Umwege in zerklüftetem Gelände suchen, um an die Kante zu kommen. Gehst Du nach Osten an das Ende der Hallig, kannst du deinen Blick auf Habel ruhen lassen, nur ein einzelnes Haus auf einem winzigen Stückchen Salzwiese strahlt eine unbewegliche Ruhe aus, die sich überträgt. An der Steinkante sitzen und nach Habel schauen, über die glatte See, worauf Eiderenten schwimmen und Möwen. Dafür kommt manch einer nach Gröde.

Es ist Spätsommer mit Wärme und wenig Wind, vielleicht auch schon Frühherbst. September. Morgens sind die Wiesen nass und über ihnen liegt Nebel, dem die Sonne entsteigt. Die glatte See in der Mittagssonne lädt nochmal zum Baden ein. Salzkristalle glitzern in den ausgetrockneten Mulden der warmen Steine. Fliegende Ameisen kriechen durch die Haare, in die Ohren und in die Hemden der Männer, die an der Kante auf Arbeit sind.

Die Windräder am Festland stehen reglos in Windlosigkeit. Geräusche kommen weit getragen übers Meer. Das weiche gurr und huhuu der Eiderenten, Flügelschlagen lachender Möwen, vorbeikreischende Austernfischer und zeternde Strandläufer, Wasserplätschern an Steinen, dann ein zunehmendes Zischen, als am Horizont die Adler Express an Gröde vorbeieilt, gefolgt vom Rauschen, als ihr Schwell die Steinkante erreicht und die glatte See in Wallung bringt. Motorengedröhn von der Deichbaustelle am Festland. Und Volkers großer Hammer klopft hell einen Stein in seine feste Position – wir sind am Igeln. Auf der Warft bellt ein Hund, und nicht weit entfernt trompetet ein Rind aus vollem Hals.

Das Brutgeschäft ist längst vorbei und viele Vögel sind schon wieder auf dem Weg nach Süden, Lachmöwen, Seeschwalben, Rotschenkel, Säbelschnäbler und andere. Ringelgänse noch nicht da. Letzte Schwalben kreisen auf der Warft, und die Stare sitzen dicht an dicht auf den Blitzableitern.

Herbstliches braun und rot dominiert die Salzwiesen zwischen grün und silber und grau. Strandastern und ein paar verspätete Halligflieder trotzen dem Trend mit lila Tupfen, als gäben sie sich einer Illusion hin. Aber sie schaffen sich damit den Raum für die Illusion, Sommerfarbe zu tragen, leben glücklich darin, entspannt und zufrieden für ein paar Tage … Vielleicht ist das das Wichtige an den Illusionen, auch wenn sie nur zeitgebunden sind, so wie ein Urlaub.

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